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Standpunkte

Die Schule der Zivilgesellschaft

Wolf Lotter über die pragmatische Mitte zwischen dem extremen Tollkühnen, dem verrückten Wagnis und der Mutlosigkeit

5. November 2019
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Wie geht es mit dem Wohlstand weiter und der Gerechtigkeit? Und was bedeuten diese Begriffe eigentlich im 21. Jahrhundert?

Wir wagen nichts mehr. Es heißt, es mangle uns heute an kühnen Entwürfen, wie wir leben wollen. Da ist was dran – wenngleich man erst einmal fragen muss: Was genau? Kühnheit klingt verwegen, nach vorne stürmend, leidenschaftlich. Die alten Helden von früher waren so, wenngleich das selten zu Gutem führte – seit Troja, so hat es uns schon Homer erzählt, blieben sie auf dem Schlachtfeld liegen, geändert hat es wenig. Visionen vielleicht? Utopien? Das sind die Helden der Theorie, und sie scheitern ganz praktisch und an denen, für die sie vermeintlich gemacht wurden. Wenn die das nicht einsehen, dann zwingt man sie eben – das ist bis heute die schlechte Praxis einer besseren Welt, die nur auf dem Papier existiert. Welche Kühnheit ist es, die zwischen dem Tollkühnen – dem Entrückten und Unvernünftigen – liegt, und der Mutlosigkeit, ihrem trostlosen Gegenüber?

Welche Kühnheit braucht kühlen Mut, pragmatische Vernunft, die zu einer besseren Zukunft für alle führt, niemanden draußen lässt und allen gerecht wird. Wie kühn muss man sein, damit das Wirklichkeit wird? Was wahre Kühnheit heute ist, kann man an den Reaktionen auf den folgenden Satz erkennen: Die Welt wird immer besser.

Mit kaum etwas kann man gebildete, westliche Wohlstandsbürger mehr aus der Fassung bringen als mit dieser nüchternen Feststellung: „Die Welt wird immer besser.“ Das klingt in Zeiten der routiniert schlechten Nachrichten im besten Fall relativierend und verharmlosend. Immer mehr erscheint es aber gleichsam als Lüge, als Blasphemie gegen den subjektiven, gefühlten Zustand der Welt. Die Mutter aller Fake-News. Es ist die Realität, die uns am meisten empört. Kühnheit ist, wenn man es wiederholt: Die Welt wird immer besser. Lebt damit. Hört auf zu klagen. Und macht was draus.

Es ist die Realität, die uns am meisten empört. Kühnheit ist, wenn man es wiederholt: Die Welt wird immer besser. Lebt damit. Hört auf zu klagen. Und macht was draus.

Der kühnste denkbare Entwurf für das 21. Jahrhundert ist, das ernst zu nehmen und loszulegen. Es braucht viel Mut dazu, denn die Arbeit ist schwer, vielleicht noch viel schwerer als jene, die in den vergangenen zwei, drei Jahrhunderten getan wurde und die einen Großteil der Menschen in Europa dem materiellen Elend und der Hoffnungslosigkeit ihres Schicksals entriss. Schwer, weil wir uns auf hohem Niveau verändern müssen, nicht mehr aus bitterer Not. Der Antrieb dafür kann nur aus uns selbst kommen. Die Kühnheit lässt sich nicht an andere, an Helden, Anführer und Macher, delegieren. Wir müssen kühn genug sein, uns selbst gegenüberzutreten. Das ist nichts für Feiglinge. Und keineswegs zu unterschätzen.

Die westlichen Eliten sind in tiefen Selbstzweifeln gefangen, die, so scheint es, nicht zu jener Sorte Zweifel gehören, von denen René Descartes meinte, sie wären „der Weisheit Anfang“. Die Zweifel im reichen Westen scheinen zu nichts zu führen.

Es scheint fast ausgemacht, dass die jungen, dynamischen Aufsteigerstaaten Asiens allen Optimismus des 21. Jahrhunderts für sich beanspruchen dürfen. Europa hingegen zweifelt an allem. Es ist gut, zu hinterfragen, aber es genügt nicht, es dabei zu belassen. Zweifel soll zur Analyse der Verhältnisse führen, die zur Erkenntnis, die zum Handeln. Wer sich die Frage stellt, was wir im 21. Jahrhundert stärken müssen, damit es allen besser geht, kommt nicht daran vorbei, die Ursache des westlichen Kulturpessimismus zu hinterfragen. Was sind seine Wurzeln?

Tipping Point Talk #4 - Kühnheit

Im Jahr 2019 feiern Erste Bank und Sparkassen, sowie die ERSTE Stiftung das 200-jährige Jubiläum der Sparkassenidee: Sie war in Zeiten von Industrialisierung und Urbanisierung sozial und wirtschaftlich, sie war innovativ und kühn. Was erzählt uns die Sparkassenidee heute im Jahr 2019?

Der Journalist und Autor Wolf Lotter begleitet in diesem Jahr die vier Tipping Point Talks, eine Veranstaltungsreihe zu den Themenfeldern Identität, Normativität, Möglichkeit und Kühnheit mit jeweils einem Essay. In diesem Text denkt er über Kühnheit nach.

„Die Welt verbessert sich in nahezu jedem messbaren Bereich (…) weniger Leute sterben an Krankheiten, kriegerischen Konflikten und Hunger, mehr Menschen verfügen über bessere Schulausbildung, die Welt wird demokratischer, wir alle leben länger und besser“, schreiben die an der Universität Oxford tätigen Ökonomen Max C. Roser und Mohamed Nagdy auf der famosen Datenbank ourworldindata.org. Die Welt in Zahlen ist nachvollziehbar. Sie zeigt den Stand der Dinge. Der Trend ist seit Jahrzehnten unübersehbar: Es geht voran, für die meisten.

Das gilt nicht nur für die aufstrebenden Schwellenländer Asiens, und – bei allen Rückschlägen – Afrikas, sondern auch für Europa und Amerika. Wo bleibt hier die Achtsamkeit des Westens gegenüber diesen großen Erfolgen? Brauchen wir nicht viel mehr „Factfulness“, wie es der schwedische Arzt und Autor Hans Rosling im Titel seines Bestsellers formulierte, dessen Untertitel das Pessimismusproblem auf den Punkt bringt: „Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“? Da fragen viele Wessis nach dem Sinn – des Lebens, in der Arbeit, in der Kultur. Wie wäre es denn mal mit etwas ganz anderem: Realitätssinn.

Es ist nicht Moral, Ideologie, die der Welt hilft, kein politischer Symbolismus, sondern nur die Anerkennung der Realität. Dafür braucht man heute viel Mut. Viel Kühnheit. Mitjammern ist leicht. Machen ist riskant. Aber wir können das Tätigwerden nicht unterlassen, denn gut ist nicht gut genug, und es gibt vieles, das unsere Aufmerksamkeit braucht. Gerade deshalb ist es so wichtig, sich über Erfolge zu freuen. Um sich darauf zu konzentrieren, was ansteht. Unterscheiden können ist eine der wichtigsten Grundlagen des Realitätssinns. Die Helden des 21. Jahrhunderts, die kühnen Veränderer, haben einen Namen: Realisten. Cool ist, was ist.

Die Helden des 21. Jahrhunderts, die kühnen Veränderer, haben einen Namen: Realisten. Cool ist, was ist.

Doch warum sind wir stattdessen schlecht gelaunt? Eine Begründung mag sein, dass der Westen seinen Anspruch auf kulturelle und politische Hegemonie verliert. Aber ist das für die „Menschen da draußen“, wie Politiker ihre Bürgerinnen und Bürger distanziert nennen, wirklich wichtig?

Max C. Roser und Mohamed Nagdy haben indes auch herausgefunden, dass es ein Paradox gibt: Während die meisten Menschen die Zukunft ihrer Gemeinschaften pessimistisch einschätzen, sehen sie ihre persönliche Lage deutlich zuversichtlicher. Das mag, wie Roser vor Jahren im Magazin brand eins sagte, daran liegen, dass „die Leute ein schlechtes kollektives Gedächtnis haben.“ Und wenig in der Gegenwart erinnert an dieses Defizit. Was von der Vergangenheit bleibt, sind die schönen und exklusiven Dinge, Kunstwerke und Paläste, die die Zeit überdauert haben – während die „Elendsquartiere verschwunden sind“, so Roser. Doch die Geschichte ist alles, was bisher geschah – und die Gegenwart ihr Ergebnis, oder, wie es der amerikanische Regisseur Ken Burns klar machte, „History is right now. History is is, not was.“ Wenn etwas die Bedeutung von kollektivem Gedächtnis beschreibt, dann das. Wer seine Geschichte nicht kennt, die Story seiner Entwicklung, kennt sich selbst nicht. Und wird zum leichten Opfer von Manipulanten und Populisten aller Lager. Die brauchen die schlechte Nachricht und setzten auf schlechtes Gedächtnis – bei dem unter die Räder kommt, dass Westeuropäer heute das fast 50fache Vermögen ihrer Vorfahren des Jahres 1800 besitzen – und eine gut dreimal so hohe Lebenserwartung.

Dass uns der Mut und die Kühnheit fehlen, Zukunft zu gestalten, liegt an einer evolutionären Barriere. Wir hören auf schrille Signale, die vor einer existenziellen Bedrohung warnten, mehr als auf Erfahrungen. Die alte Weisheit der Boulevardpresse, nach der die „schlechte Nachricht die bessere ist“, weil sie besser gehört und damit gekauft wird, gilt in der Aufmerksamkeitsgesellschaft fast überall. Wer nicht übersehen werden will, muss laut sein, polarisieren, übertreiben. Alles ist Entweder-Oder. Hier gedeihen Angst und Verunsicherung. Am Ende kann man die Realität von den unzähligen Fakes nicht mehr unterscheiden – man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Realitätssinn, das Wissen um Zusammenhänge, entwickelt sich aber nur in aller Ruhe. Ist alles verloren?

Im Gegenteil. Denn der nach außen getragene kollektive Pessimismus steht, wie wir weiter oben gehört haben, in einem Widerspruch zur Einschätzung der eigenen, individuellen Lage. Es gibt Systemkrisen, zweifelsohne, einen Vertrauensverlust in die alten Institutionen, die alte Welt. Die Menschen sind pessimistisch, wenn es um das alte Große und Ganze geht, um die Gesellschaft, um Staaten, Organisationen. Deren Zukunft steht zur Disposition. Das wird im öffentlichen Reden und im Diskurs, naturgemäß, mit der persönlichen Perspektive verwechselt. Denn der Einzelnen war in der alten Welt immer nur Teil des Kollektivs, des Großen und Ganzen. Die Person ordnet sich dem Gemeinwohl unter. Doch das reicht nicht mehr aus.

Die westliche Kultur, und ganz besonders jene in Europa, ist immer noch der Massengesellschaft des Industrialismus verpflichtet. Paradoxerweise führt der Wohlstand, den Industrie- und Konsumgesellschaft schufen, immer stärker zur Individualisierung. Mit der kann „das System“ aber nicht hinlänglich umgehen. Im 21. Jahrhundert und seiner Wissensgesellschaft geht es um Differenz, nicht mehr ums Einordnen. Die Zivilgesellschaft hat keine Zentrale. Die „geordneten Bahnen“, die Ordnung des Großen und Ganzen, verschwinden nicht ganz, aber sie verlieren – zuweilen massiv – an Bedeutung. Wo ist etwa „das Vaterland“ geblieben? Wo die lebenslange Loyalität zu einem Unternehmen? Der Bedeutungsverlust von Volksparteien und Massenvertretungen ist seit Jahren unübersehbar. Die Krise des „Alten“ wird oft als Generationenkonflikt fehlinterpretiert. Doch es geht nicht mehr um die alte Gerechtigkeit des Gleichen, jedenfalls nicht mehr in allen Lebensbereichen. Es geht um Einzelgerechtigkeit. Um die Ermöglichung von Differenz. Dazu ist die Aufklärung angetreten. Für nichts weniger. Das ist ein großes Projekt.

Der Vertrauensverlust vieler in die alte Führung ist damit verbunden, dass sie keine individuellen Freiräume zulässt. Immer mehr Menschen in Organisationen suchen nach „Purpose“ und stellen sich die Frage, was sie „wirklich, wirklich wollen“, wie es der der New Work Pionier Frithjof Bergmann in seiner Grundformel aller persönlichen Entwicklung formulierte. Die Suche nach dem Sinn ist die Suche nach sich selbst, nach der neuen Realität. Wir sind weiter, als wir glauben. Dass viele optimistisch sind, wenn es um sie selber geht, und pessimistisch, wenn es die alten Kollektive angeht, zeigt, dass der Realitätssinn tatsächlich ganz gut funktioniert.

Das Streben nach persönlichen Freiräumen ist keineswegs nur den gebildeten Eliten, die sich dabei bemerkbar machen, eigen. Eigensinn wird überall gelebt und gefordert, in allen Schichten und Klassen der sich formierenden Zivilgesellschaft. Das ist der gemeinsame Nenner materiell entwickelter Gesellschaften, jenes magische „qualitative Wachstum“, das sich eben nicht in Normen, Regeln, politische Verordnungen und To-Do-Listen packen lässt. Die klassische politische Kultur und die Führung können mit Masse umgehen, aber nicht mit dem Individuum. Dafür sind sie nicht geschaffen, das haben sie nicht gelernt. Immer noch trifft man hier die Vorstellung, man bräuchte nur ein neues Rezept zur Macht, zur Beherrschung und zum Management der Massen, des Großen und Ganzen.

Doch die Leute wollen keine Eltern, sie wollen Ermöglicher, also ein Leadership, das die unterschiedlichen Lebensentwürfe so gut es geht fördert und sie sein lässt. Zivilgesellschaft bedeutet, Vielheit und Vielfalt sich immer wieder neu entwickeln zu lassen. Das ist keineswegs zusammenhangslos und chaotisch, sondern die Grundlage echter Demokratie. Vielleicht ist es eben auch das schlechte kollektive Gedächtnis der Eliten, die den Blick darauf vernebelt. Sie konnten den materiellen Aufstieg im Kollektiv managen. Jetzt geht es darum, den Einzelnen ihr Leben zuzutrauen. Das Yes, we can, das Barack Obama seiner Präsidentschaft voranstellte, es gilt immer noch. Es ist nicht kleinzukriegen, Rückschläge hält es aus. Wir können das.

Zivilgesellschaft bedeutet, Vielheit und Vielfalt sich immer wieder neu entwickeln zu lassen. Das ist keineswegs zusammenhangslos und chaotisch, sondern die Grundlage echter Demokratie.

Das deutsche Wort Kühnheit baut auf diesem Wortstamm auf. Kühn kommt von können – und von kennen, also wissen, wie es läuft. Es ist die pragmatische Mitte zwischen dem extremen Tollkühnen, dem verrückten Wagnis und der Mutlosigkeit als ihrem Gegenstück. Kühnheit ist cool. Sie baut auf Vernunft. Kühnheit ist eine Dienstleistung. Sie ermöglicht anderen, ihr Leben zu leben, nach ihren Talenten und Fähigkeiten, selbstbestimmt. Die Kühnheit, die wir brauchen, ermächtigt die Gesellschafter der Zivilgesellschaft, ihre Freiräume zu nutzen. Subsidiarität ist die Grundlage einer solchen offenen Gesellschaft. Wir helfen einander, uns selbst zu helfen. Das heißt nicht: alleingelassen werden. Sondern mündig und erwachsen.

Können, Kennen – Kühnheit ist ein Fundament der Wissensgesellschaft. Wir ahnen noch mehr über diese Welt als wir wissen. Doch das ändert sich gerade. An die Stelle statischer Organisationen treten Netzwerke, deren Wesen es ist, dass der Einzelnen an ihnen nicht dauerhaft, sondern nach Bedarf teilnimmt. An die Stelle einer Möglichkeit treten Möglichkeiten, Varianten. Ein Leadership, das kühn genug ist, um das zu erkennen und für richtig zu halten, wird ebenfalls nicht auf Dauerhaftigkeit angelegt sein. Aber es wird gebraucht, um eine Schule der Selbständigkeit und Selbstermächtigung zu errichten, die beiden Wörter, auf die das große Wort Zivilgesellschaft erst bauen kann. Es braucht eine Schule der Zivilgesellschaft, in der die Tugenden der Freiheit verstanden werden – ohne dass neue Abhängigkeiten an die Stelle der alten treten.

Der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler, ein hellsichtiger Vordenker der Wissensgesellschaft, hat in den frühen 1970er Jahren festgestellt: „The illiterate of the 21st century will not be those who cannot read and write, but those who cannot learn, unlearn and relearn.“ Sich entwickeln wollen.

Mehr Kühnheit geht nicht.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden. Autor: Wolf Lotter / erstestiftung.org. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
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