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Standpunkte

Die großen Verlierer

Die Auswirkungen der demografischen Krise am Westbalkan auf die Roma sind enorm.

21. Juli 2020
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In den Diskussionen über die Auswirkungen von Emigration und des Bevölkerungsrückgangs in Südosteuropa wird oft auf die Hauptbetroffenen vergessen: marginalisierte Roma-Gemeinschaften.

Reporting Democracy veröffentlichte in den vergangenen Monaten mehrere Beiträge zum Thema kritischer Bevölkerungsrückgang am Balkan und Massenmigration aus der Region in die Länder der Europäischen Union. So informativ diese Artikel auch sind, eines wurde darin nicht thematisiert: die Auswirkungen auf die Roma-Minderheit. Dabei machen die Roma eine beträchtliche Zahl der Menschen aus, die zur Emigration aus den Westbalkanstaaten gezwungen sind.

Nun kann Migration eine positive Sache sein – oder eben nicht. Sie kann den marginalisierten Roma-Gemeinschaften neue Möglichkeiten eröffnen – aber nur dann, wenn es den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Willen gibt, diese Möglichkeiten auch in die Realität umzusetzen.

In seinen Artikeln erinnert uns Tim Judah daran, wie schwierig es ist, sich hinsichtlich der tatsächlichen Bevölkerungszahlen am Westbalkan und auch anderswo sowie hinsichtlich der EU-Migrationszahlen auf verlässliche Daten stützen zu können. Das betrifft selbstverständlich auch Roma-Gemeinschaften. Daten, die das Ausmaß der erzwungenen Migration von Roma aus Westbalkanländern belegen, liegen jedoch sehr wohl vor. Und diese Zahlen offenbaren das enorme Ausmaß, den Antiziganismus (die Form des Rassismus, die sich speziell gegen Roma richtet) in diesen Ländern angenommen hat.

Zwischen 2007 und 2017 verzeichneten die EU-Länder mehr als 200.000 Asylanträge von Roma aus den Ländern des Westbalkans: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Dabei handelte es sich nur um den letzten Höhepunkt in der langen Geschichte der (erzwungenen) Migration der Roma aus dieser Region. Lange bevor das ehemalige Jugoslawien auseinandergebrochen war, fanden sich viele Roma unter den Menschen, die auf der Suche nach Arbeit nach Westeuropa migrierten oder Asylanträge in westeuropäischen Ländern stellten.

Im Zuge des Balkankrieges in den 1990er-Jahren stieg die Zahl der Roma, die ihr Heimatland verlassen mussten, weiter an. Roma aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien stellten in Westeuropa Asylanträge oder wanderten nach Italien aus. Roma aus Albanien gingen wiederum vorwiegend nach Griechenland. Die Statistiken belegen das Ausmaß dieses jahrzehntelangen Exodus.

Laut Expertenmeinung sind zwischen 1996 und 2001 ca. 65 Prozent der albanischen Roma nach Griechenland ausgewandert. Im Jahre 2003 lehnte Deutschland mehr als 35.000 Asylanträge von Roma aus dem Kosovo ab und stellte ihnen eine Duldung (temporäre Aufenthaltsgenehmigung) aus, nachdem sie als Folge des Krieges aus dem Kosovo vertrieben worden waren.

Es ist schwierig, die genaue Zahl an Roma, Aschkali und Balkan-Ägyptern zu bestimmen, die den Kosovo in den Jahren 2014/2015 verlassen haben ‒ es könnten bis zu 10.000 sein, was damals einem Viertel der Gesamtbevölkerung der drei Gemeinschaften entsprach. Zwischen 2014 und Juni 2017 stellten knapp über 59.000 Roma aus Serbien in Deutschland einen Asylantrag.

Zwischen 2014 und Juni 2017 stellten knapp über 59.000 Roma aus Serbien in Deutschland einen Asylantrag.

In den vergangenen zehn Jahren stammten laut den deutschen Behörden über 80 Prozent der Asylanträge in Deutschland von Roma aus Serbien. Allein im Jahr 2014 betrug ihr Anteil 92 Prozent. Insgesamt dürften in den letzten zehn Jahren rund 90.000 Asylanträge in Deutschland von Roma aus Serbien eingebracht worden sein.

Asylanträge von Menschen aus dem nunmehrigen Nordmazedonien wurden ebenso mehrheitlich von Roma gestellt. Auch ihr Anteil an Asylanträgen aus Bosnien und Herzegowina betrug viele Jahre hindurch 50 Prozent. Nur bei den Anträgen aus Albanien und Montenegro ist der Roma-Anteil geringer.

Foto: © Hazir Reka / Reuters / picturedesk.com
Ein Roma-Kind fährt Rad in seinem Viertel in Mitrovica, Kosovo. Foto: © Hazir Reka / Reuters / picturedesk.com

Die Wurzeln der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, die viele Roma dazu zwingt, ihre Heimatländer zu verlassen, liegt im Antiziganismus, der – direkt oder indirekt –alle Aspekte des täglichen Lebens umfasst: Wohnen, Arbeit, Bildung, Gesundheit, Kultur. In einem Artikel in Reporting Democracy erörtert Alida Vračić die Folgen der Emigration der Ärzteschaft und des medizinischen Personals für das Gesundheitswesen sowie für „ältere Menschen, Kinder und Frauen“. Die Konsequenzen für soziale Randgruppen ‒ zu denen die Mehrheit der Roma zählt ‒ sollten in dem Zusammenhang ebenso bedacht werden.

Im Gesundheitswesen sind Roma mit weitverbreitetem Rassismus (Antiziganismus) konfrontiert. Die in Gesundheitssystemen grassierende Korruption schließt gleichzeitig von Armut betroffene Menschen – und dies betrifft in vielen Fällen wiederum Roma – von medizinischer Behandlung bzw. Versorgung mit Medikamenten aus. Sinkt die Zahl an Ärztinnen und Ärzten sowie medizinischem Personal weiter, wird sich die Situation noch weiter verschlimmern.

Wenn man über Emigration aus dem Westbalkan spricht, wäre es wichtig, die Situation der Roma einfließen zu lassen. Dies sollte auch unter dem Blickwinkel erfolgen, dass die Zwangsmigration in das Asylsystem nur einen Aspekt der Migration von Roma aus dem Westbalkan darstellt.

Mit der Verschärfung der Asylgesetze und -verfahren in Deutschland ist auch die Zahl der Asylanträge stark zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die Situation für die Roma in ihren Herkunftsländern nicht verbessert. Antiziganismus schließt immer noch einen Großteil der Roma aus der Gesellschaft aus, insbesondere vom Arbeitsmarkt, weswegen sie sich nach Alternativen umsehen müssen.

Antiziganismus schließt immer noch einen Großteil der Roma aus der Gesellschaft aus, insbesondere vom Arbeitsmarkt, weswegen sie sich nach Alternativen umsehen müssen.

Einige von ihnen nehmen die Visafreiheit in Anspruch und reisen nach Westeuropa, um Kleidung oder andere Waren zu kaufen und diese sodann zuhause wieder zu verkaufen. Andere setzen auf die Visafreiheit, um für weniger als 90 Tage in Westeuropa (informell) zu arbeiten, kurz nach Hause zurückzukehren und sodann wieder in westeuropäische Länder einzureisen. Andere bleiben für eine längere Zeit, jedoch ohne sich offiziell zu melden oder einer regulären Arbeit nachzugehen. Einige gehen einer formellen Beschäftigung in Westeuropa nach.

Interessant ist auch die Diskrepanz zwischen der Zahl der Roma, deren Asylanträge abgelehnt wurden, und jener, die tatsächlich wieder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt sind ‒ was darauf schließen lässt, dass sich einige von ihnen auf informeller Basis in Westeuropa niedergelassen oder andere Wege des Verbleibs gefunden haben. Die Zurückkehrenden sehen sich hingegen oft einer Vielzahl von Problemen gegenüber. Im Kosovo wird den Roma, die zwangsweise repatriiert wurden, der Zugang zu Wohnungen oder Arbeit verwehrt. Viele von ihnen haben daher das Land wieder Richtung Serbien verlassen, wo bereits Tausende vertriebene Roma ihr Dasein fristen.

Trotz dieser alarmierenden Statistiken zeugt die Reintegrationspolitik, die die Länder des Westbalkans hinsichtlich zurückkehrender Roma verfolgen, von trauriger Unzulänglichkeit. Ebenso unzureichend sind die Maßnahmen, um ein Abwandern der Menschen nach Westeuropa von vornherein zu verhindern.

Informelle Migration – egal, ob sie nun kurz- oder langfristig ausgelegt ist – bringt gravierende Nachteile mit sich. Sie verhindert die Integration marginalisierter Gruppen sowohl in den Gast- als auch in den Herkunftsländern. Sie bietet keine soziale Absicherung und erlaubt keine langfristige Planung, was sich auch auf die Kinder auswirken kann, beispielsweise auf deren regelmäßigen Schulbesuch. Angesichts der politischen Entwicklungen in Westeuropa ist auch davon auszugehen, dass die Arbeitsmigration zwischen dem Westbalkan und Westeuropa in immer größerem Maße formelleren Zwängen unterworfen wird, was für die Roma und ihre Existenz neue Herausforderungen mit sich bringen könnte.

Wie die Erfahrung zeigt, profitieren zum Beispiel in Deutschland die Roma als letzte Gruppe von der Westbalkan-Regelung, die Menschen, die andernfalls einen Asylantrag gestellt hätten, die legale Arbeitsmigration ermöglicht. Bei der Analyse von Migration, demografischer Entwicklungen und Strategien gegen den lokalen Fachkräftemangel sollten die Regierungen des Westbalkans und die beteiligten Expertinnen und Experten die Dringlichkeit erkennen, die die Förderung der Einbeziehung der Roma in den Arbeitsmarkt erfordert. Behörden sollten mit Unternehmen zusammenarbeiten, um den Roma mehr Chancen auf eine qualifizierte Berufsausbildung zu bieten.

Dies würde jedoch ein langfristiges Konzept gegen Antiziganismus erfordern, das diesem nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch an den Schulen und in der Gesellschaft als Ganzes den Kampf ansagt. Dadurch bekämen auch die Kinder der Roma die Möglichkeit, die Schule mit angemessenem Wissen und fundierten Kenntnissen abzuschließen, sodass sie einen Beruf erlernen oder ihren Bildungsweg fortsetzen könnten.

Dies würde ihnen auch zu Chancengleichheit am Arbeitsmarkt verhelfen – und sie nicht nur in Hilfsjobs und in den NGO-Bereich drängen. Wenn wir uns die Zahlen von Roma-Jugendlichen am Westbalkan ansehen, die sich in keinem Beschäftigungsverhältnis befinden und an keiner Aus- oder Weiterbildung teilnehmen (Neither in Employment nor in Education and Training – NEET), wird das komplette Versagen und die totale Ignoranz der Politik evident. Was uns auch bewusst werden sollte, ist, dass wir damit einer weiteren Generation von jungen Roma jegliche Chancen nehmen.

Roma-Neet-Raten im Westbalkan

Die vernichtenden Daten könnte man jedoch auch auf andere Weise interpretieren: Alle Länder des Westbalkans sowie der Europäischen Union sollten größere Anstrengungen unternehmen, das Potenzial dieser jungen Menschen auszuschöpfen und dafür zu sorgen, dass sie Zugang zu einer fundierten Ausbildung und zum qualifizierten Arbeitsmarkt erhalten.

Tim Judah schreibt in einem seiner Artikel, dass in Rumänien „zuvor marginalisierte Roma Jobs bekommen, die ihnen früher verwehrt geblieben wären“. Das wäre auch am Westbalkan möglich, wenn Regierungen, Unternehmen, Expertinnen und Experten sowie Gelehrte ein solches Vorgehen unterstützen würden. Alle verfügbaren Daten weisen auch darauf hin, dass die Roma nicht vom demografischen Rückgang alternder Gesellschaften betroffen sind. Sie sind vielmehr eine sehr junge Bevölkerungsgruppe. Die Folgen dieser beiden parallel ablaufenden Entwicklungen sollten von seriösen Regierungen und Gelehrten berücksichtigt werden.

Judah beendete seinen Artikel mit dem Satz: „Es braucht Taten und Ideen, nicht nur seitens der Regierungen und Denkfabriken in den Ländern mit schrumpfender Bevölkerung, sondern in ganz Europa, bevor das Ungleichgewicht der Geschehnisse zu einem weiteren Problem wird, das unsere liberalen demokratischen Grundfesten bedroht.“

Ich möchte diesen Artikel mit einer weiteren Bemerkung abschließen: Dem Antiziganismus in diesen Ländern muss dringend und entschieden entgegengetreten werden, ebenso müssen für Roma Möglichkeiten der gleichberechtigten Teilhabe am Bildungs- und Arbeitsmarkt geschaffen werden. Wenn sich die gegenwärtige Politik nicht rasch ändert, wird der Anteil der Menschen steigen, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen sind, die täglich mit Rassismus zu kämpfen haben und denen ein gleichwertiger Zugang zu Bildung und Arbeit verwehrt wird. Es ist die Pflicht und die Verantwortung der Europäischen Union und der Westbalkanstaaten, diesen Zustand, der unsere liberalen demokratischen Grundfesten bedroht, zu beseitigen.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 30. Januar 2019 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.
Aus dem Englischen von Margit Hengsberger.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Stephan Müller / Reporting Democracy. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Roma-Kinder bei dem Tagesanbruch in einer Siedlung in der Nähe von Sarajevo in Bosnien und Herzegowina. Foto: © Fehim Demir / EPA / picturedesk.com