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Standpunkte

Die drei Hs und die Leistungsgesellschaft

David Goodhart über Ungleichheit und die fehlende Balance in der heutigen Gesellschaft

25. April 2019
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Die in westlichen Gesellschaften herrschende Unzufriedenheit, die zur gegenwärtigen politischen Instabilität geführt hat, kennt viele Ursachen: Ungleichheit, die Nachwirkungen der Finanzkrise bis hin zu unfähigen und abgehobenen Politikern und Politikerinnen. Es gibt jedoch eine übergreifende Erklärung, die für die meisten anderen Gründe gilt: Kognitive Fähigkeiten sind zum Maßstab menschlicher Wertschätzung geworden, und kognitive Eliten verfolgen bei der Gestaltung der Gesellschaft viel zu sehr ihre eigenen Interessen. Überspitzt formuliert: Die Schlauen sind zu mächtig geworden.

Vor sechzig Jahren, als unsere Gesellschaft weniger komplex war, waren die Menschen an der Spitze von Politik und Wirtschaft gemeinhin klüger und ehrgeiziger als der Durchschnitt. Dem ist auch heute noch so, aber neben der analytischen Intelligenz wurden damals auch andere Eigenschaften mehr geschätzt. Heutzutage übertrumpfen „die Klügsten und Besten“ die „Anständigen und Fleißigen“. Andere Werte wie Charakter, Integrität, Erfahrung und Leistungsbereitschaft haben nicht an Bedeutung, sehr wohl aber an Wertschätzung verloren.

Eine gute Gesellschaft ist eine, die über die richtige Balance zwischen Hirn, Hand und Herz verfügt. In der modernen wissensbasierten Wirtschaft steigen die Löhne hochqualifizierter Fachkräfte jedoch immer weiter an, während der relative Verdienst und Status vieler handwerklicher Tätigkeiten und Sozialberufe abnimmt. Ein Wirtschaftssystem, das früher auch Menschen mit durchschnittlichen und geringen kognitiven Fähigkeiten Platz bot – Stellen für nicht- oder geringqualifizierte Arbeitskräfte in der Industrie, der Landwirtschaft, beim Militär –, favorisiert nun die kognitiven Eliten und die mit Bildung Gesegneten.

Eine gute Gesellschaft ist eine, die über die richtige Balance zwischen „Hirn“, „Hand“ und „Herz“ verfügt.

Andere Bereiche, in denen weniger Wert auf kognitive Fähigkeiten gelegt wird, verlieren in den meisten westlichen Ländern und ganz besonders in Europa stark an Bedeutung: Religion, Familie, das Militär sowie traditionelle Arbeitsplätze in der Industrie. Ebenso wie der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft verschiedene soziale Traumata und Symptome bewirkt hat, bringt auch die Entwicklung von der industriellen hin zur postindustriellen Gesellschaft ihre eigenen Traumata mit sich. Die Herausforderung ist hier womöglich eher psychologischer als materieller Natur.

In der Industriegesellschaft wurden traditionelle religiöse Überzeugungen nicht zerstört – zumindest anfangs nicht; es entstanden neue kollektive Klassenidentitäten und Formen arbeitsbezogener Anerkennung. Es ist durchaus möglich, dass die Industriegesellschaft bei der Verteilung von Status erfolgreicher war als die postindustrielle Gesellschaft, in der viele traditionelle Rollen und Quellen bedingungsloser Anerkennung (Familie, Religion, Nation) an Wert verlieren, die Leistungskultur dominiert, der Status von Leistungsschwächeren als nicht schützenswert gilt und die Mediengesellschaft sozial transparenter geworden ist. Darüber hinaus waren kognitive Fähigkeiten früher eher willkürlich verteilt. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein enormer Ausleseprozess die jungen Examensabsolventen und -absolventinnen einverleibt und möglichst viele an die Hochschulen befördert – in Großbritannien gehen 40 Prozent der Schulabgänger an die Universität, worunter das Ansehen von Arbeitsplätzen, die keines Hochschulabschlusses bedürfen, stark leidet.

Erbliche Meritokratie

Das bedeutet nicht, dass wir in einer echten Leistungsgesellschaft leben. Der Bildungserfolg von Kindern hängt nach wie vor in hohem Maße vom Einkommen ihrer Eltern ab. Verdeutlicht wird dies durch etwas, das mit dem hässlichen Begriff „assortative Paarung“ bezeichnet wird, was bedeutet, dass Menschen, die einem angesehenen Beruf nachgehen, der ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten voraussetzt, bei der Wahl ihrer Partner eher ähnliche Menschen bevorzugen. Die Kinder dieser Paare werden sehr wahrscheinlich von Eltern großgezogen, die beide gut vernetzt sind und wissen, was nötig ist, damit auch durchschnittlich begabte Kinder an einer guten Universität studieren und einen hochqualifizierten Job bekommen können. Dadurch entsteht zunehmend eine Art erblicher Meritokratie.

Warum ist das von Bedeutung? Gewiss herrscht in modernen, technologischen Gesellschaften ein größerer Bedarf an klugen Köpfen, und solange einige der eben genannten Tendenzen korrigiert werden können und Menschen jeglichen Hintergrunds eine faire Chance bekommen, Teil der kognitiven Elite zu werden, ist alles gut. Was die Produktivität einer Gesellschaft anbelangt, so sind kognitive Fähigkeiten nebst Fleiß ein besseres Auswahlkriterium für angesehene Jobs als geerbter Grundbesitz oder Kapital. Das ist jedoch nicht unbedingt fairer oder humaner. Wie schon Michael Young vor 60 Jahren (in seinem Buch The Rise of the Meritocracy, dt. Es lebe die Ungleichheit – Auf dem Wege zur Meritokratie) aufgezeigt hat, fühlen sich Menschen, die aufgrund ihrer kognitiven Leistungen an der Spitze der Gesellschaft stehen, anderen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz häufig weniger verpflichtet, als die Reichen dies üblicherweise den Armen gegenüber taten.

Wirtschaftliche Ungleichheit vs. politische Gleichheit

Es ist einer der schwierigsten Balanceakte offener, moderner Gesellschaften, der allerdings selten zur Sprache gebracht wird: Wie lässt sich die Meritokratie eindämmen und wie kann man verhindern, dass ein unverhältnismäßig hohes Maß an Status und Prestige (und finanzieller Entlohnung) jenen Jobs zukommt, die besondere kognitive Fähigkeiten erfordern – und nicht den nach wie vor unerlässlichen handwerklichen und sozialen Berufen –, ohne dabei die fähigsten und ambitioniertesten Menschen in unserer Gesellschaft zu demotivieren? Eine erfolgreiche Gesellschaft muss in der Lage sein, das Spannungsfeld zwischen der Ungleichheit der Wertschätzung (als Folge des relativ offenen Wettbewerbs um hochqualifizierte Jobs) und dem Ethos der Gleichheit der Wertschätzung (eine demokratiepolitische Frage) zu bewältigen.

Nicht einzusehen ist, warum Menschen, die bestimmte mentale Aufgaben effizienter erledigen als andere, mehr Bewunderung verdienen sollten.

Anders ausgedrückt: Eine Leistungsgesellschaft, die eine breite Unzufriedenheit in demokratischen Zeiten vermeiden will, muss Leistung in den handwerklichen oder sozialen Berufen, die geringere kognitive Fähigkeiten erfordern, ausreichend respektieren und honorieren sowie für Menschen, die sich im Sinne der Leistungsgesellschaft nicht verwirklichen können oder wollen, Sinn und Wert stiften. In den heutigen Zeiten des Umbruchs scheint klar, dass wir bislang das richtige Gleichgewicht nicht gefunden haben. Viele Menschen des linken Spektrums sehen das Problem in erster Linie in einer Einkommens- und Wohlstandsungleichheit. Tatsächlich ist die Ungleichheit in vielen Ländern, wie auch Großbritannien, wo es den heftigsten Widerstand gegen den Status quo gegeben hat, nicht wesentlich größer geworden. Natürlich ist ein geringes oder fehlendes Lohnwachstum schwerer zu ertragen, wenn eine kleine Minderheit, insbesondere Banker, von den Einschränkungen nicht betroffen zu sein scheint. Hier fehlt jedoch der Blick auf das große Ganze, was Anerkennung und Wertschätzung in der Gesellschaft betrifft.

Wertvorstellungen der modernen Wissensökonomie

Häufig verwechseln wir nämlich beinah unwissentlich kognitive Fähigkeiten mit menschlichen Werten und menschlichem Wirken im Allgemeinen. Nicht einzusehen ist, warum Menschen, die bestimmte mentale Aufgaben effizienter erledigen als andere, mehr Bewunderung verdienen sollten. Und doch gibt es in der modernen liberalen Politik einen klaren Trend, der uns zeigt, dass dem tatsächlich so ist. Hohe kognitive/analytische Fähigkeiten und Erfolg korrelieren in einer wissensbasierten Wirtschaft stark mit der Befürwortung moderner Werte wie Offenheit, Mobilität und Ablehnung der Tradition. Und wer diese Werte nicht begrüßt, wird häufig – besonders in liberalen Kreisen – als sozialer und intellektueller Schwachkopf bezeichnet.

Anywheres vs. Somewheres

In meinem jüngsten Buch The Road to Somewhere behandle ich die durch die Brexit-Abstimmung sehr deutlich zutage getretene Wertekluft in der britischen Gesellschaft, die sich durch diese beschränkte Sicht auf kognitive Fähigkeiten verschärft hat. Auf der einen Seite steht eine Gruppe, die ich die Anywheres („Überall-Menschen“) nenne und die etwa 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie sind gut ausgebildet, leben üblicherweise nicht in der Nähe des Elternhauses und schätzen im Allgemeinen Offenheit, Autonomie und soziale Fluidität. Demgegenüber steht eine größere Gruppe von Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung, die ich die Somewheres („Irgendwo-Menschen“) nenne, die weniger gebildet und stärker verwurzelt sind. Sie schätzen Sicherheit/Vertrautheit und legen viel größeren Wert auf Gruppenzugehörigkeiten (lokal und national) als die Anywheres.

Anywheres haben im Allgemeinen kein Problem mit gesellschaftlichen Veränderungen, weil sie sich ihre Identität selbst erarbeitet haben („achieved identities“). Sie definieren sich über akademischen und beruflichen Erfolg, was dazu führt, dass sie sich praktisch überall wohlfühlen. Im Unterschied dazu fühlen sich die Somewheres einer zugeschriebenen Identität („ascribed identities“) verpflichtet, die auf einer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort oder einer Gruppe basiert, weshalb ihnen rasche Veränderungen eher Unbehagen bereiten. Aufgrund der von ihnen bevorzugten Werte wie Offenheit, Mobilität und individuelle Selbstverwirklichung dominieren die Anywheres die moderne Gesellschaft und alle großen politischen Parteien mittlerweile in jeder Hinsicht. Und die Antwort der Anywheres auf alle Fragen – von sozialer Mobilität bis hin zu verbesserter Produktivität – war bislang: mehr akademische Bildung.

Aufgrund der von ihnen bevorzugten Werte wie Offenheit, Mobilität und individuelle Selbstverwirklichung dominieren die „Anywheres“ die moderne Gesellschaft mittlerweile in jeder Hinsicht.

Niemand hat etwas gegen soziale Mobilität und kluge Köpfe jedweden Hintergrunds, die es so weit bringen, wie es ihre Talente zulassen. Der britische Traum eines Universitätsstudiums mit anschließender akademischer Berufstätigkeit ist jedoch mittlerweile zu eng gefasst. Kein Wunder, wenn mehr als 90 Prozent aller britischen Parlamentarier Hochschulabsolventen sind. Indes sind handwerkliche Fertigkeiten und soziale Kompetenzen in der modernen britischen Gesellschaft hartnäckig unterbewertet, bringen unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht und verunsichern Millionen von Menschen.

In jüngster Zeit wurde versucht, Schulabgängern mit einem verbesserten Angebot an Lehrstellen und fachlichen Qualifizierungen andere Optionen aufzuzeigen. Diese können jedoch nicht mit dem Prestige einer universitären Laufbahn konkurrieren, was dazu führt, dass unserer Wirtschaft unverzichtbare Arbeitskräfte fehlen. Vergangenes Jahr traten weniger als 10.000 junge Menschen eine ordentliche Lehrstelle im Bauwesen an, während 40 Prozent der Bauarbeiter in London aus dem Ausland sind. Indes sind Jobs im Sozialbereich des staatlichen Gesundheitswesens, in der frühkindlichen Bildung und Kinderbetreuung weiterhin unterbewertet (und unterbezahlt), weil es sich dabei um Aufgaben handelt, die traditionell innerhalb der Familie, primär von Frauen, wahrgenommen wurden. Das erklärt zum Teil die Krise im Sozialwesen und den eklatanten Pflegekräftemangel.

Wir werden vermehrt dazu angespornt, ein kopfgesteuertes Leben zu führen, was durch die meisten technologischen Fortschritte verstärkt wird, die immer weniger Möglichkeiten für handwerkliches Können bieten und die Notwendigkeit menschlicher Kontakte verringern – selbst die Notwendigkeit, eine gute Handschrift zu entwickeln. Wer vorhat, sich den kognitiven Leistungsträgern anzuschließen, lässt normalerweise – zumindest in Großbritannien – seine Wurzeln hinter sich, was zum Teil daran liegt, dass die meisten höheren Bildungseinrichtungen über eigene Unterkünfte verfügen und man mit dem Studium traditionell von zu Hause auszieht.

Viele Somewheres können oder wollen ihre Wurzeln nicht verlassen und sich den Anywheres anschließen. Dazu kommt, dass die Hälfte der Bevölkerung naturgemäß ohnehin immer in der unteren Hälfte des kognitiven Fähigkeitsspektrums zu finden ist. Und doch braucht jeder von uns das Gefühl, einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu haben, auch wenn wir keine mobilen Überflieger sind. Die politische Klasse der Anywheres hat zu sehr nach eigenen Interessen regiert und einige der grundlegenden politischen Intuitionen der Somewheres ignoriert: die Bedeutung eines stabilen Umfelds und sicherer Grenzen, die Vorrangigkeit von nationalen Bürgerrechten vor universellen Rechten, die Notwendigkeit eines Narrativs und der Achtung vor jenen, die sich in den vornehmlich bildungsbasierten Wirtschaften nicht so gut entfalten können. Dieser Mangel an Empathie für die Weltsicht der Somewheres hat uns nun als Gegenreaktion den Brexit eingehandelt – und ein Land, das so gespalten ist wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Ist das nicht Beweis genug für die Grenzen kognitiver Fähigkeiten?

Original auf Englisch. Erstmals publiziert in der IWMpost Nr. 122 (Herbst / Winter 2018).
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

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Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Ein großflächiges Wandbild des italienischen Street-Art-Künstlers „Blu“ zeigt im Juli 2010 in Berlin zwei große, goldene Uhren an den Handgelenken eines Mannes, die durch eine goldene Kette miteinander verbunden sind. Der Künstler kreierte ein symbolisches Bild für „Zeit“ und die goldenen Ketten der Meritokratie. Foto: © Wolfram Steinberg / dpa / picturedesk.com