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Standpunkte

Der unsichtbare Lehrplan

Vlado Rafael über das slowakische Schulsystem und wie es das (Selbst-)Bild der Roma begründet

30. Juni 2020
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Egal ob man die Roma als Gesellschaftsgruppe oder nationale Minderheit betrachtet: Im slowakischen Bildungssystem müssen sie sich offenkundig einer Schulpolitik unterwerfen bzw. anpassen, ohne sich an deren Gestaltung beteiligen zu können. Diese bildungspolitische Gegebenheit leistet Diskriminierung und Vorurteilen Vorschub und bedingt, dass Kinder und Jugendliche geringe Chancen auf eine qualitativ hochwertige Bildung haben. Kann das neu gegründete Museum der Kultur der Roma solche Defizite im slowakischen Schulsystem ansprechen?

Eine der langfristigen Bildungsstrategien in Bezug auf Roma-Schülerinnen und -Schüler an slowakischen Schulen besteht darin, die Gleichbehandlung im Namen des Liberalismus zu betonen und zu fördern. Ein solcher Ansatz führt zu Assimilation und der nachdrücklichen Forderung, dass sich Minderheiten an die herrschenden Normen anzupassen haben. Er ignoriert soziale und kulturelle Unterschiede an Regelschulen und führt daher zu Diskriminierung. Dies betrifft insbesondere die ethnische Segregation von Roma-Kindern, wodurch sich die Europäische Kommission im April 2015 zur Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen die Slowakei veranlasst sah. Die ethnische Trennung führt zu geringerem Selbstvertrauen, einem niedrigeren Bildungsniveau, weniger Motivation sowie negativen Auswirkungen auf die schulischen Leistungen im Allgemeinen.

Besteht eine solche Trennung über einen längeren Zeitraum, kann sie sich letztendlich zur einer gewohnheitsmäßigen bzw. normativen Diskriminierung entwickeln, bei der sich beide Seiten so an die Diskriminierung gewöhnt haben, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sind, zwischen richtig und falsch bzw. zwischen Opfer und Täter zu unterscheiden. In der Praxis manifestiert sich das so, dass selbst Roma-Eltern eine getrennte Schulbildung fordern. Eventuell bestehen sie aus Gründen einer „Familientradition“ auf gesonderte Schulen für ihre Kinder. Habituelle Diskriminierung lässt sich nur durch die Intervention eines unabhängigen Dritten bekämpfen. Diese Rolle könnte in naher Zukunft das in der Slowakei geplante Museum der Kultur der Roma übernehmen – als Vermittler bei der Behandlung und Beilegung von Streitigkeiten im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Roma-Kindern an Schulen oder indem es Schulen dabei unterstützt, das Bild der Roma von sich selbst und ihrer Kultur zu verändern.

In der Praxis manifestiert sich das so, dass selbst Roma-Eltern eine getrennte Schulbildung fordern. Eventuell bestehen sie aus Gründen einer „Familientradition“ auf gesonderte Schulen für ihre Kinder.

Die Intervention einer unabhängigen dritten Instanz bei (Selbst-)Diskriminierungsstreitigkeiten an Schulen ist deshalb wichtig, da sowohl vonseiten der Schulverwaltung als auch der Lehrkräfte selbst die Entscheidung, Roma-Kinder von anderen zu trennen, fälschlicherweise damit gerechtfertigt wird, dass dadurch ein besserer individuellerer Unterricht gewährleistet werden könne.

In der ersten Schule (Gemeinde Šarišské Michaľany), die im Februar 2012 Roma-Kinder von anderen trennte, konnten die Lehrkräfte nicht nachweisen, dass die Roma-Kinder nur deshalb in eigenen Klassen und verschiedenen Stockwerken zusammengefasst wurden, damit sich ihre schulischen Leistungen verbesserten. Das Gegenteil war der Fall: Der Unterricht für die Roma-Kinder war schlechter und die Lernatmosphäre wenig förderlich. Zudem kamen nicht nur Roma-Kinder aus der Armensiedlung der nahegelegenen Gemeinde Ostrovany in getrennte Klassen und verschiedene Stockwerke. Nach und nach wurden auch die Roma-Kinder der Mittelschicht aus Šarišské Michaľany in segregierte Klassen gesetzt. Ihnen folgten Roma-Kinder aus dem nahegelegenen Kinderheim.

Obwohl die diskriminierende Politik der Schule anfänglich nur arme Roma-Kinder betraf, sah sich das Landesgericht in Prešov zu der Feststellung gezwungen, dass dies einer ethnischen Segregation gleichkomme. Der fehlende Wille, eine differenzierte Schulpolitik gegenüber Minderheiten und ihren kollektiven Bedürfnissen (z.B. Sprache Romanes) bzw. den individuellen Lernbedürfnissen der Kinder (Mittel für die Anschaffung von Lehrmaterialien und spezifische Fördermaßnahmen) zu erarbeiten, steht im Widerspruch zur anerkannten sozialen und kulturellen Vielfalt als reales gesellschaftliches Phänomen, mit dem die Schulen in der Slowakei nicht gezielt umgehen wollen oder können oder mit dem sie nicht umzugehen wissen. Die derzeitige methodische und pädagogische Praxis in der Slowakei unterscheidet nicht zwischen Kindern auf Grundlage ihrer kulturellen und sprachlichen Bedürfnisse und lässt die Fülle und Vielfalt des familiären und sozialen Hintergrunds von Roma-Kindern außer Acht.

Photo: © Servet Kocyigit ” Higher Education” 2006, 280x400cm, C-Print, Courtesy of Artist
Foto: © Servet Kocyigit ”Higher Education” 2006, 280x400cm, C-Print, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Gleichermaßen interessant ist, dass alle bisher mit Unterstützung der Europäischen Union durchgeführten und von Methodenzentren koordinierten nationalen Projekte ausdrücklich über Ansätze sprechen, die auf die spezifischen Bedürfnisse von „Kindern aus marginalisierten Roma-Gemeinschaften“ eingehen. Die vom Ministerium anerkannten Programme, die aus diesen Projekten hervorgingen, sind jedoch nicht so aufgebaut, dass sie die Lehrkräfte mit den nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen ausstatten, um effizient mit Roma-Kindern aus ausgegrenzten Gemeinschaften oder mit Kindern aus einem anderen sozialen und kulturellen Umfeld zu arbeiten. Sie basieren auf pädagogischen Ansätzen, die alle Kinder ausnahmslos gleich behandeln und weder die Benachteiligungen bestimmter Kinder kompensieren noch auf ihre individuellen Bildungsbedürfnisse eingehen. Eine derartige Herangehensweise mündet dann in der Überzeugung, dass der Fehler beim Kind liegt.

Paradoxerweise lässt sich in Anerkennung der verschiedenen kulturellen Rahmenbedingungen und Wertesysteme auch eine Betonung der Andersartigkeit im Namen des Pluralismus beobachten. Dies bezeugen die konfessionellen Schulen sowie Schulen, in denen der Unterricht in den Sprachen verschiedener nationaler Minderheiten stattfindet. In der Slowakei gibt es kein eigenes Minderheitenschulsystem. Schulen, in denen der Unterricht in einer nationalen Minderheitensprache stattfindet, gehören zu einem landesweiten Netzwerk. Auch für sie gelten die gleichen zentralen Verordnungen des Bildungsministeriums. Diese Schulen haben dieselben Lehrpläne und die gleiche Anzahl von Unterrichtsstunden pro Fach.

Ein neues Minderheitenschulsystem sollte mehr bieten, als nur die Sprache und Geschichte der Roma zu erhalten und abzubilden.

Ein neues Minderheitenschulsystem sollte mehr bieten, als nur die Sprache und Geschichte der Roma zu erhalten und abzubilden. Es könnte den Roma auch dabei helfen, sich allmählich als politische Nation zu begreifen, vorausgesetzt, dass man ihnen auch ein gewisses Maß an Schulautonomie zugesteht, die ihnen eine Entscheidungskompetenz bezüglich der Leitung und Finanzierung der Schulen einräumt. Roma-Expertinnen und -Experten könnten auch an der Erstellung ihrer eigenen Lehrpläne und der Festlegung der Anzahl der Unterrichtsstunden pro Fach mitwirken. Dies würde dazu beitragen, aktuelle Inhalte und den versteckten Rahmenlehrplan zu hinterfragen und in der Folge zu eliminieren, denn er basiert auf grundlegenden Haltungen gegenüber den Roma und sieht einen Unterricht in der Überzeugung vor, dass die Kultur und Sprache der Roma feste Kategorien sind, deren Kern biologisch vorgegeben ist.

Diesen Haltungen zufolge werden die Roma als Erben einer Kultur von Dieben und Wahrsagern oder bestenfalls als Saisonarbeiter und Schmiede oder verklärt als nomadisches Volk wahrgenommen, das Tanz und Musik im Blut hat. In der schulischen Praxis äußert sich diese Haltung in der Herangehensweise von Lehrenden, die davon ausgehen, dass die berufliche Zukunft von Roma-Kindern in der Festigung ihrer manuellen Fähigkeiten liegt, es ihre Bestimmung sei, einer geringqualifizierten Arbeit nachzugehen, und die daher bereitwillig zusätzliche Stunden und Mittel für ihre zusätzliche handwerkliche Ausbildung investieren.

Dieser Ansatz lässt sich auch in einer Zunahme von neuen Berufsschulen beobachten, die gegenwärtig in Armensiedlungen errichtet werden und in denen Roma-Schülerinnen und -Schüler zwei Jahre lang für Berufe ausgebildet werden, die im Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts keine Zukunft haben, wie z.B. die Ausbildung zur „praktischen Hausfrau“ für Roma-Mädchen. Anderen Schülerinnen und Schülern gegenüber, die nicht zur Volksgruppe der Roma zählen, verhalten sich Lehrende völlig anders. Hier werden Kompetenzen im Umgang mit Computern, in den Naturwissenschaften und Mathematik gefördert. Dieser Ansatz gegenüber den Roma ist seit Langem institutionalisiert und etabliert. Dadurch werden nicht nur Vorurteile und Stereotype verstärkt, sondern wird bei der Erstellung von Lehrplänen auch jede Diskussion über Kultur und Identität als auf kritischer (Selbst-)Reflektion beruhende soziale Konstrukte im Keim erstickt.

Unsichtbares Museum

Das Buch Neviditeľné múzeum / Invisible Museum / Nadikhuno muzeumos ist die Fortführung der gleichnamigen Ausstellung von tranzit.sk, die zischen 29. November 2017 und 27. Januar 2018 in Bratislava zu sehen war. Der Anstoß für die Ausstellung stammte vom slowakischen Künstler Oto Hudec. Dem Projekt liegt die Idee zugrunde, über ein Museum für die Roma-Kultur in der Slowakei nachzudenken und darüber zu reflektieren. Das Buch enthält weitere Vorstellungen und Überlegungen zum Thema der Ausstellung und wurde in Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, AkademikerInnen, Kulturschaffenden und AktivistInnen konzipiert, die in der Slowakei und anderen europäischen Ländern leben und arbeiten.

Ich habe bereits öffentlich meine Besorgnis über die Zunahme von Minderheitenrassismus und Nationalismus aufseiten der Roma zum Ausdruck gebracht. Ich tat dies 2008 im Zusammenhang mit der Standardisierung des Romanes, unter Beteiligung mehrerer Vertreter der älteren Generation, die Anfang der 1990er-Jahre Teil eines radikaleren Flügels der aufkeimenden nationalen Minderheit in der Tschechoslowakei waren.

Ein durch das Schulsystem oder den Lehrplan vermittelter, zu starker Fokus auf das Anderssein im Namen des Pluralismus kann ein ungesundes Gefühl der Exklusivität, Einzigartigkeit oder direkter moralischer Überlegenheit auslösen und zu Selbstausgrenzung und Verteidigung eines umgekehrten Rassismus führen. Des Weiteren kann dadurch auch traditionellen Werten, die im Widerspruch zu den Erfordernissen liberaler Prinzipien, der Gleichheit und Autonomie stehen, zu viel Bedeutung beigemessen werden. Ich spreche hier von der traditionellen patriarchalischen Haltung von Roma-Männern gegenüber Frauen (wie dem Brauthandel oder ihrer Weigerung, Roma-Mädchen eine bessere Ausbildung zukommen zu lassen).

Pädagogik-, Kultur- und Geschichts-Expertinnen und Experten aus den Reihen der Roma sollten die Schulbehörden nachdrücklich dazu auffordern, sich an Fachgesprächen über Inhalt und Art des Unterrichts von Roma-Themen zu beteiligen. Die Beteiligung der Roma an der Gestaltung der Schulpolitik und des staatlichen Lehrplans könnte dazu beitragen, die Qualität der Bildung zu verbessern und gleichzeitig Stereotype zu überwinden und der Verbreitung von Vorurteilen an Schulen ein Ende zu setzen. Im Bildungsministerium wurde sogar eine Beratungsgruppe aus Roma-Bildungsexperten unter dem Vorsitz von Dr. František Godla eingerichtet, im Jahr 2010 von Eugen Jurzyca, dem damaligen designierten Bildungsminister, jedoch wieder aufgelöst.

Das neue Museum der Kultur der Roma könnte auch aktiv einen Raum schaffen, der den Roma und ihren aufstrebenden Eliten eine Neubewertung der Art und Weise ermöglicht, wie ihr (Selbst-)Bild geformt wird. So wie ich es verstehe, wird die Geschichte der Roma an den Schulen häufig auch im Zusammenhang mit Geschichten von Vertriebenen und Ausgestoßenen durchgenommen, sodass viele wohl Schwierigkeiten haben, sich damit zu identifizieren. Diese Art der Geschichtsdeutung durch den staatlichen Lehrplan verstärkt – im positiven oder negativen Sinne – Vorurteile und Stereotype bei der Entwicklung einer persönlichen und kollektiven Identität. Unstrittig ist auch, dass selbst die moderne Geschichte der Roma nicht ausreichend und objektiv erforscht und aufbereitet ist. Das Thema des Völkermords an den Roma ist ein Paradebeispiel.

Insofern ist es naheliegend, dass manche angesichts dieser Unzulänglichkeiten das Gefühl haben, es wieder gutmachen zu wollen und diese Sichtweise der Geschichte unkritisch wieder aufgreifen oder die Vergangenheit sogar abändern (ein Ableger der Geschichte). Dieses Phänomen wird durch die Wahl von Roma-Königen, eine seit den 1990er-Jahren in der Slowakei gängige Praxis, hinreichend veranschaulicht, obwohl allseits bekannt ist, dass es in der Geschichte der Roma nie Könige gab. Insbesondere die ältere Generation der Roma ist davon überzeugt, dass eine verfälschte Geschichte den Roma ein gesünderes (Selbst)-Bild und Selbstbewusstsein vermitteln kann und sie in weiterer Folge in ihrem Kampf gegen die demütigenden Bedingungen der Armut vereint, denen viele von ihnen tagtäglich ausgesetzt sind. Dieser Ansatz galt von Anfang an als ineffektiv und illusorisch, gleichzeitig zeigt er jedoch, wie viele (meiner Meinung nach aus verständlichen Gründen) freiwillig in ihrer eigenen unvollkommenen Geschichte verhaftet blieben.

Die Verfasser dieser Publikation befassen sich mit der Frage, wie die Bildung und intellektuelle Kraft der Roma im Rahmen des neuen Museums der Kultur der Roma aufbereitet und präsentiert werden können. Einige dieser Rollen wurden im obigen Text bereits angesprochen. Einigkeit besteht darin, dass dieses Museum nicht nur das Thema Bildung präsentieren, dessen aktuelle Probleme ansprechen und eine historische Betrachtung anbieten sollte. Es sollte auch aktiv am Bildungsprozess mitwirken. Daher ist es wichtig, bereits in der Aufbauphase der Institution die Umsetzung des oben erwähnten partizipativen Ansatzes stets im Auge zu behalten; mit anderen Worten, gebildete Roma der jungen, aufstrebenden Generation zusammenzubringen, die sich einer historischen Festlegung verweigern und beginnen, ihre Präsenz bei der Mitgestaltung ihrer eigenen persönlichen Identität sowie der Identität dieser geplanten neuen modernen Institution uneingeschränkt zu reflektieren.

Erstmals erschienen im Oktober 2019 in der Publikation „Neviditeľné múzeum / Invisible Museum / Nadikhuno muzeumos
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Vlado Rafael / tranzit.sk. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Emília Rigová, Constant Metamorphosis, 2016. Foto: © Adam Šakový