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Der Osten und das liebe Vieh

Kopf und Zahl - Osteuropa im digitalen Taschenformat

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Konvergenz lässt sich an der Nachfrage nach Hundenahrung messen. Wer wenig Geld hat, der kauft kein Nassfutter im Supermarkt. Da ist es eine gute Nachricht, dass in den neuen Mitgliedsländern der Bedarf danach steigt. Die Landwirtschaft in der Region hat indes den Anschluss verpasst. Das könnte ihr Untergang sein oder ihre Rettung.

Der polnische Nationalstolz rennt 60 km/h schnell, er ist 1,5 Meter hoch, zäh, neugierig, er hat einen schmalen Kopf mit dunklen Augen und kommt aus der arabischen Wüste: Der Araber, für viele das edelste Pferd der Welt, das der Legende nach bis zum Propheten Mohamed zurückzuführen ist, ist seit Jahrhunderten in den polnischen Weiten heimisch. Schon im 17. Jahrhundert soll die polnische Kavallerie Araberpferde als Kriegsbeute von den Osmanen geholt haben, später – nach dem Friedensschluss mit Istanbul, der dieserart Nachschub stoppte – befahlen die polnischen Machthaber eine eigene Zucht aufzubauen. Dass die Eigenschaften dieser Rasse bis heute überzeugen, das beweisen drei staatliche Zuchtbetriebe in Polen. Rund 4.000 Araber grasen auf polnischen Weiden. 260.000 Pferde zählt Polen insgesamt. Viele davon werden indes nicht für nationalen Ruhm und Ehre, sondern für die Arbeit auf dem Feld gebraucht. Das ist nicht nur in Polen so. In Rumänien etwa leben heute noch geschätzt 730.000 Pferde – schlicht, weil der Traktor noch nicht überall angekommen ist.

Landwirtschaftliche Produktion

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in den jüngeren Mitgliedsstaaten und in den Ländern auf dem Balkan ist vielerorts noch landwirtschaftlich geprägt: Das Pferd, das in Siebenbürgen die Karren zieht, der polnische Tatra-Hund, der Viehherden gegen Wölfe verteidigt. Die unzähligen Katzen auf den Höfen, die tatsächlich Mäuse jagen. Das Tier als Arbeitspartner, nicht nur emotionaler Partnerersatz.

In Rumänien leben zwischen der ungarischen Grenze und der Schwarzmeerküste mehr als 3,5 Millionen Bauern, mehr als sonst irgendwo in der EU. Sie geben ein Beispiel dafür, wie es mit weniger Pestiziden, mit weniger Automatisierung, wie es näher an der Natur und Tier gehen könnte – und sie zahlen den Preis: 95 Prozent der rumänischen Bauern setzen weniger als 8.000 Euro mit ihren Produkten um. Pro Jahr. Und nicht nur hier ist die Wirtschaftskraft der Bauern niedrig. In Ungarn liegen immer noch 85 Prozent unter der 8.000-Euro-Marke. Nur Tschechien kommt mit 32 Prozent an westeuropäische Verhältnisse heran. Österreich liegt auf dieser Höhe. In Deutschland verdienen 90 Prozent der Bauern deutlich mehr. Jeder fünfte deutsche Bauer setzt zwischen 100.000 und 250.000 Euro jährlich um, fast noch einmal so viel liegen sogar über 250.000 Euro. Wer den Weg der mageren Umsätze weiter östlich und südöstlich zurückverfolgt, landet bei bescheidenen Höfen. Drei Millionen der rumänischen Bauern beispielsweise beackern weniger als fünf Hektar Fläche. Und während die Bauern im alten Europa ihre Höfe auf eine Betriebsart spezialisiert haben, also Milchbauern, Schweinezüchter oder Hühnerbrüter sind, arbeiten die Kollegen weiter östlich oftmals noch mit einem ganzheitlicheren Ansatz. In der Praxis heißt das, dass neben der Kuh noch ein Schweinekoben steht, dass Gans, Huhn und Truthahn auch noch irgendwo herumlaufen und dass sich hinter den Wirtschaftsgebäuden Gemüseäcker erstrecken.

Viehwirtschaft und -zucht

83 Prozent der europäischen Milchproduktion stammen aus der alten EU, wie hier 89 Prozent des Rindfleisches erzeugt werden. Auch das Schweinefleisch, das in der neuen EU auf den Teller gelangt, hat sein Leben oft im Westen verbracht. Österreich schlachtet mit fünf Millionen Sauen jährlich mehr als die teils deutlich bevölkerungsreicheren Länder Rumänien, Ungarn und Tschechien jeweils. Deftig, so ist die Küche in Osteuropa, kein Zweifel. Die Menschen in der Region essen mit 62 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr trotzdem immer noch sechs Kilo weniger Fleisch als die Europäer weiter westlich.

Die Landwirtschaft in den jüngeren Mitgliedsstaaten ist aufgrund veralteter Geräte und kleinteiliger Struktur, oftmals die Konsequenz der Parzellierung nach 1989, im Spiel der großen Mitgliedsländer kaum konkurrenzfähig – zumindest solange letztere an Intensivmast und Tierhaltung festhalten. Dass sich die Mutterkuhhaltung in der EU seit 2000 verdoppelt hat, bietet auch der extensiven, traditionellen Landwirtschaft, den kleinen Bauern also, Chancen in der Nische. Sie müssten nur alles so belassen, wie es immer schon war. Das Kalb bleibt bei der Mutter und die Viecher weiden die Allmende um die Dörfer ab.

So traditionell die Landwirtschaft von außen aussehen mag, so sehr die Bauern an der Arbeitsweise der eigenen Großeltern festhalten, in der Zeit stehen bleiben sie nicht. Da finden sich genauso WLAN wie die neuesten Zuchtmoden. Von Prag den ganzen Balkangürtel hinunter bis nach Tirana, weit über die EU-Außengrenze hinaus, setzen die Bauern beispielsweise auf erprobte Genetik. Österreichisches Rindersperma ist ein Exportschlager in den Höfen der Region. Nach Albanien hat Österreich etwa im vergangenen Jahr 111 Kilogramm Rindersperma ausgeführt. Insgesamt wurden 1,6 Tonnen Rindersamen aus Österreich nach Mittel- und Osteuropa sowie in die Türkei geschickt. Rumänien hingegen ist einer der größten Honigproduzenten der EU. 2015 verarbeiteten die rumänischen Imker 35.000 Tonnen Honig. Die europäische Gesamtproduktion belief sich auf 268.000 Tonnen. Rund 100 Euro kostet ein Bienenvolk mit 25.000 Tieren in Rumänien. Besonders häufig ist die einheimische Karpatenbiene.

Haustierhaltung

Als Arbeitspartner hat das Tier seit jeher an der Seite der Menschen gelebt. Als Spielkamerad und Zeitvertreib ist es auch in den neuen EU-Ländern auf dem Vormarsch. Landwirtschaft hin oder her. Dass die Tierhalter im Osten zusehends westeuropäische Moden übernehmen, zeigt der Ruf nach industriell gefertigtem Tierfutter. 1,6 Millionen Tonnen Tierfutter werden hier pro Jahr abgesetzt. Das mag noch weit nicht an die 5,8 Millionen Tonnen herankommen, die Haustiere im Westen Jahr vor Jahr vorgesetzt bekommen, aber der Umsatz wächst stetig. So lebt schon mehr als jeder dritte Tscheche und jede dritte Tschechin mit einem Hund im Haushalt, 26 Prozent mit einer Katze und fast jeder Zehnte mit einem Vogel. Vier Millionen Hunde sollen zudem in Rumänien leben – als Haus-, nicht als Straßenhund. Rund 23 Milliarden Euro setzt die Futtermittelindustrie mit mehr als 7.000 Tonnen Dosen- und Trockenfutter für Haustiere in der EU jährlich um. Ein Teil davon wird im ungarischen Bük, zehn Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, erzeugt. Hier stehen die Nestlé-Purina-Produktionshallen, eines der größten Tierfutterwerke Europas.

Einst sind auch die meisten Pferde nach arbeitsamen Leben im Fressnapf von Hund und Katz gelandet. Heute dienen sie, je nach geografischem Standort und Geldbörserl des Besitzers, entweder als Zugtier oder als Sportmittel. Und manchmal einfach als Wertobjekt: 2015 hat das polnische Gestüt Janów Podlaski, das auf eine 200-jährige Geschichte blicken kann, auf der jährlich stattfinden Araberauktion „Pride of Poland“ für eine Zuchtstute einen Rekorderlös erzielt. Die zehnjährige Pepita mit weißem Fell und Punkten war dem Käufer 1,4 Millionen Euro wert.

Dieser Text und die Infografiken sind unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name der Autorin/Rechteinhaberin soll wie folgt genannt werden. Autorin: Eva Konzett / erstestiftung.org, Infografiken und Illustration: Vanja Ivancevic / erstestiftung.org
Titelbild: Heimische Nutztierweide in Bulgarien. Foto: © iStock/Daniel Balakov.


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14 Jahre sind vergangen, seit sich die Europäische Union in der ersten Runde Richtung Osten aufgemacht hat. Die anfängliche Euphorie ist erst dem Alltag und nun Ernüchterung auf beiden Seiten gewichen. Man ist sich manchenorts fremd geworden oder fremd geblieben, trotz der sichtbaren und verborgenen, der privaten, offiziellen und geschäftlichen Beziehungen. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten, trotz der Wertschöpfungsketten, die keine Grenzen mehr kennen. Und manchmal genau deswegen.

Kopf und Zahl möchte im Kleinen die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebensrealitäten im jüngeren Teil der EU und der Beitrittskandidaten Südosteuropas beleuchten und sie mit der westeuropäischen Verfassung zumindest in österreichischer Ausformung abgleichen. Sind diese denn wirklich immer meilenweit voneinander entfernt? Wo scheitert der Blick von oben herab?

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