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Diskussion

Der Medienkrieg

Unterschiedliche Wirklichkeiten in der Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine 2014.

10. Dezember 2014
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Im großen Saal der Diplomatischen Akademie in Wien meinte man am 1. Dezember 2014 die in der Luft liegenden Spannungen geradezu knistern zu hören. Auf dem Podium saßen sich drei Gesprächspartner in einer Diskussion gegenüber, in der es just darum gehen sollte, warum die Atmosphäre in dieser Runde eigentlich so gereizt war: weil man einander nämlich sowieso nicht trauen könne.

Auf der einen Seite von Moderator Christian Ultsch (Ressortleiter Außenpolitik der österreichischen Tageszeitung Die Presse) saß Oksana Boyko, Moderatorin der im 14-tägigen Rhythmus ausgestrahlten geopolitischen Sendung Worlds Apart auf RT (vormals Russia Today). Auf der anderen saßen Katya Gorchinskaya, stellvertretende Chefredakteurin der englischsprachigen Zeitung Kyiv Post und Gastgeberin der ukrainischen TV-Sendung Free People sowie Yevhen Fedchenko, Direktor und Journalistik-Professor an der Journalistenschule der Kiewer Mohyla-Akademie.und Mitbegründer der im März 2014 gegründeten Initiative StopFake.org.

Thema der ersten Runde der neuen Diskussionsreihe „Das Europäische Match – Kontroversen und Begegnungen“, die die ERSTE Stiftung in Kooperation mit der Tageszeitung Die Presse veranstaltet, war der Medienkrieg, der den Konflikt in der Ukraine begleitet und mit jeweils völlig unterschiedlichen Darstellungen der Wirklichkeit in den Konfliktgebieten die Öffentlichkeit in Russland, der Ukraine und den beobachtenden Staaten zu beeinflussen versucht.

Unterschiedliche Wirklichkeiten

Dass Medien – wie durchaus auch in der Vergangenheit – über internationale Konflikte nicht neutral berichten, sondern sehr oft einen patriotischen Standpunkt einnehmen und dabei auch vor Propaganda bis hin zu manipulativ eingesetzten Falschmeldungen nicht zurückschrecken, ist nichts Neues und ein globales Phänomen. Dennoch wird allenthalben beklagt, dass im speziellen Fall der aktuellen Beziehungen Russland-Ukraine gezielte Fehlinformationen besonders skrupellos zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung eingesetzt würden. Die Geschehnisse auf der Krim und im Donezbecken waren und sind außerhalb der Region nur durch journalistische Berichterstattung präsent, durch TV-Bilder von Belagerern und Belagerten, durch Kommentare, Interviews und Hintergrundberichte. Dabei werden in den Medien der Konfliktparteien zum Teil völlig unterschiedliche Wirklichkeiten beschrieben. Der Kampf auf der Straße ist tatsächlich auch zu einem Krieg der Medien geworden, die ihr Publikum bewusst mit dem Antagonismus „Wir gegen die anderen“ emotionalisieren.

Der Kampf der Ideologien ist durch den Widerstreit der (medial vermittelten) Wirklichkeiten ersetzt worden.

Die Debatte darüber eignete sich daher ausgezeichnet als Auftakt für die Reihe „Das Europäische Match“, die sich der grundsätzlichen Frage widmen möchte, warum 25 Jahre nach den großen gesellschaftlichen Umbrüchen in Europa die Ära der Großmächte und Ideologien sowie der Trennung von Ost und West noch immer nicht vorüber ist, ja warum alte und neue Gräben immer wieder aufbrechen. Denn Europa ist nach wie vor kein vereinter Kontinent. Wirtschaftliche Instabilität, soziale Ungleichheit und ein seine neue Rolle suchender Kulturbetrieb werfen Fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Die Gesprächsreihe „Das Europäische Match“ will daher Expert/innen und handelnde Akteur/innen aus Ost und West zusammenbringen, um von einem Schlagabtausch der Argumente zu lernen und um Kontrahent/innen Gelegenheit für spannende Kontroversen zu geben.

Filip Radunovic, der die Reihe konzipiert hat, wies in der Einleitung zum Abend auf ein Kernproblem der politischen Antagonismen des 21. Jahrhunderts hin: der Kampf der Ideologien sei ersetzt worden durch den viel heftigeren Widerstreit der (medial vermittelten) Wirklichkeiten. Dem nachzugehen habe man sich heute vorgenommen.

Diskussionsteilnehmer

Oksana Boyko ist Moderatorin der 14-tägig ausgestrahlten geopolitischen Sendung Worlds Apart auf RT.

Yevhen Fedchenko ist Mitbegründer der im März 2014 gegründeten Initiative StopFake.org und Direktor und Journalistik-Professor an der Journalistenschule der Kiewer Mohyla-Akademie.

Katya Gorchinskaya war bis 2015 stellvertretende Chefredakteurin der englischsprachigen Zeitung Kyiv Post und ist Geschäftsführerin von Hromadske TV.

Die Diskussion begann jedoch mit einem gewissen Abstand vom eigentlichen Thema – dem Medienkrieg – und nahm zuerst die historischen Ereignisse des vergangenen Jahres selbst ins Visier. Die Rollen auf dem Podium waren in zu erwartender Weise verteilt: Frau Boyko wies auf ausländische Interessen und inländische Extremisten hin, die bei den Aufständen am Maidan Ende 2013 und zu Beginn des Jahres 2014 in Kiew eine Rolle gespielt hätten, während Frau Gorchinskaya immer wieder betonte, dass es das ukrainische Volk war, dass sich in einem legitimen revolutionären Akt seiner korrupten, von Moskau abhängigen Regierung entledigt und im Anschluss auf demokratische Weise eine neue Regierung gewählt habe. In der ersten Hälfte des Abends konnte man also eher dem Medienkrieg live zusehen als ihn von kompetenter Seite analysiert zu bekommen.

Aufschlussreich und auf die Mechanismen medialer Vermittlung reflektierend war dabei jedoch, wie sehr Argumente gewinnen oder verlieren können durch die Art, wie sie vorgetragen werden. Oksana Boyko ist Anchorwoman eines großen TV-Senders. Sie war jahrelang politische Korrespondentin und berichtete vor Ort über die Konflikte in Tschetschenien, Libyen, Syrien und Afghanistan. Auf ihre persönlichen Erfahrungen aus dieser Zeit wies sie wiederholt hin, wenn auch nicht immer im passenden Zusammenhang. Ihr perfektes Englisch, das sie einem Masterstudium in Massenkommunikation in den USA verdankt, und ein rhetorisch höchst gewandtes Auftreten verliehen ihren Statements eine Glaubwürdigkeit, die in erster Linie auf professionellem Auftreten und diskursivem Geschick gründete.

Frau Boyko konzedierte mehrfach, dass die russischen Aktivitäten nicht immer völkerrechtskonform abgelaufen seien, dass nicht immer die Wahrheit gesagt wurde, dass Russlands Führung ebenso wie seine Bevölkerung manchmal aus irrationalen Ängsten heraus handelten und reagierten, und dass Wladimir Putin eben auch nur ein Mensch sei. Natürlich sei die russische Demokratie noch nicht so weit entwickelt wie die westliche und ebenso natürlich sei es erstrebenswert, dort anzukommen. Aber die westlichen Großmächte verhielten sich schließlich ebenso, würden auch internationale Abkommen verletzen und mit zweierlei Maß messen.

Die beiden ukrainischen Journalisten verfügten über weit weniger Bühnenpräsenz, hatten dafür aber das moralischer Gewicht derer auf ihrer Seite, deren Land angegriffen worden ist. Insbesondere Katya Gorchinskaya wirkte auf eine Weise beherrscht, die ihre zierliche Statur angespannt wirken ließ. Hier war es jemandem sichtlich besonders wichtig Haltung und Würde zu bewahren. Frau Gorchinskaya befasst sich schon seit langem mit dem politischen und moralischen Zustand ihres Landes. Sie ist seit 2008 regionale Berichterstatterin des „Reports über organisiertes Verbrechen und Korruption“, ein Non-Profit-Netzwerk von Zentren für investigativen Journalismus, und schreibt regelmäßig für das Wall Street Journal. Häufig tritt sie als Kommentatorin in westlichen Medien, als Gastrednerin bei internationalen Konferenzen oder in TV-Sendungen zur aktuellen politischen Lage in der Ukraine auf.

Prorussischer Aktivist spricht mit JournalistInnen Ukrainischer Fernsehstationen auf einer Straße zwischen prorussischen Kontrollstellen und jenen der ukrainischen Nationalgarde in der Nähe der Stadt Slavianoserbsk in der Region Lugansk, 10 September 2014. EPA/ROMAN PILIPEY

In der Diskussion übte sie durchaus Kritik an der eigenen neuen Regierung, die noch lange nicht das umgesetzt habe, wofür man im Frühjahr auf die Straße gegangen sei. Bei den Kämpfen in der Ostukraine räumte sie ein, dass auch die ukrainische Armee Misshandlungen begangenen habe. Was bei Oksana Boyko in erster Linie professionell und weltgewandt wirkte, das diskursive Abwägen verschiedener Sichtweisen und die argumentative, scheinbar rationale Entscheidung für eine Wahrheit von offenbar mehreren möglichen (etwa die Beurteilung der Annexion der Krim als geostrategisch gerechtfertigt), das transportierte bei Katya Gorchinskaya die Authentizität einer tatsächlich betroffenen Akteurin. Die Art und Weise wie sie ihre Realität darstellte, legte nahe, dass hier in einer historisch gewachsenen, akut politischen Situation um die Lösung existentieller Fragen gerungen wurde, Aussagen also aufgrund eigener Erfahrungen getroffen wurden.

Von links nach rechts: Oksana Boyko, Christian Ultsch, Katya Gorchinskaya, Yevhen Fedchenko. Foto: © Marcel Billaudet

Aber es wurde an diesem Abend auch über Medienmanipulation gesprochen und es gab von beiden Seiten Kostproben einseitiger Darstellungen. Yevhen Fedchenko tat seiner Sache keinen Gefallen, als er einen einzelnen polemischen User-Kommentar auf der Community-Website von RT als Quelle für die politische Haltung des Senders selbst und der russischen Öffentlichkeit im Allgemeinen zitierte. Während Oksana Boyko tatsächlich keine Miene verzog, als sie behauptete, Moskau habe die Absicht der Ukraine sich der EU anzuschließen doch von Anfang an akzeptiert und die russische Medienlandschaft sei wahrlich eine vielfältige und RT definitiv ein regierungsunabhängiger Sender.


Das europäische Match: Kontroversen und Begegnungen

1989 war das Jahr des großen gesellschaftlichen Umbruchs in Europa. Nach fast vier Jahrzehnten globaler Spannungen schien die Ära der Großmächte und Ideologien sowie der Trennung von Ost und West vorüber. Heute, 25 Jahre später, ist Europa noch immer kein vereinter Kontinent. Alte und neue Gräben brechen wieder auf. Wirtschaftliche Instabilität, soziale Ungleichheit und ein seine neue Rolle suchender Kulturbetrieb werfen Fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Es steht viel auf dem Spiel. In der Gesprächsreihe „Das europäische Match“ wollen wir Expert/innen und handelnde Akteure aus Ost und West zusammenbringen: um von einem Schlagabtausch der Argumente zu lernen, um Kontrahenten Gelegenheit für spannende Kontroversen zu geben und um uns selbst auf die Suche nach jenen Themen zu machen, die die unterschiedlichen Wünsche, Interessen und Eigenheiten dieses so vielfältigen und daher so reichen Kontinents vereinen können.

Die Debatte in ganzer Länge als Video und als Podcast

Diskussionsteilnehmer: Oksana Boyko, Yevhen Fedchenko, Katya Gorchinskaya
Moderation: Christian Ultsch
Produktion: Philipp Steiner, Stuart Jolley-Socea
Mit freundlicher Unterstützung der Diplomatischen Akademie Wien