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Der Kampf um Arbeitskräfte

Magda Munteanu über die Beschäftigungskrise in Rumänien

14. Dezember 2018
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Rumänien erlebt die schlimmste Beschäftigungskrise der letzten zehn Jahre. Während Unternehmen Schwierigkeiten haben, Arbeitskräfte zu finden, klagen die Menschen über zu geringe Löhne – sie suchen sich lieber bessere Jobs im Ausland oder nehmen staatliche Beihilfen in Anspruch.

Freitag, 11:45 Uhr. Es ist heiß, das Thermometer ist bereits auf 31 Grad Celsius geklettert. Dutzende Autos blockieren aus Mangel an Parkplätzen die Zufahrtsstraße nach Titu, einer Kleinstadt im Süden Rumäniens, nicht weit von Bukarest. Zwei Polizisten bewachen die Schranke weiter vorne.

In Titu wird das jährliche Volksfest gefeiert, das drei Tage dauert. Der Geruch von gebratenem Schweinefleisch liegt in der Luft. Hunderte Stände so weit das Auge reicht; hier gibt es alles zu kaufen, von Schuhen über Reitzubehör bis hin zu Zuckerwatte und künstlich gefärbten Säften. Die Stände überbieten sich mit lauter Musik. Im allgemeinen Trubel versteht man kaum sein eigenes Wort.

Hunderte Stände so weit das Auge reicht. Hier bekommt man alles, von Schuhen über Reitzubehör bis hin zu Zuckerwatte und künstlich gefärbten Säften. Foto: © Magda Munteanu

Hunderte Menschen drängen sich zwischen den Ständen. Ein siebenjähriger Bub trinkt einen blaugefärbten Saft und wirft dann den Plastikbecher auf den Boden. Sein Vater, Mitte 40, sieht in an, lächelt und fragt ihn, ob er noch einen möchte. Musik. Bier. Autoscooter. Eis. Jeans. Rauch. Das typische Ambiente eines Kleinstadtjahrmarkts.

Cornel ist 47. Lässig spaziert er durch die Menge, im grauen Trägerhemd und Schlapfen, mit einem Plastiksack und einer Flasche in den Händen. „Ich habe seit Jahren nicht mehr gearbeitet. Ich bin zu Hause und kümmere mich um die Tiere. Ich lasse mich von meiner Frau aushalten. Sie arbeitet in einem Geschäft“, sagt er lachend. Dann bleibt er stehen, um Lebkuchen für die Kinder seines grauhaarigen Freundes neben ihm zu kaufen, der in Spanien als Orangenpflücker arbeitet und gerade auf Heimaturlaub ist.

Insgesamt werden landesweit noch immer hunderttausende Arbeitskräfte benötigt.

Keiner der beiden wäre auf die Idee gekommen, die zur selben Zeit stattfindende Jobbörse zu besuchen. Im Zentrum von Titu waren 22 Firmen in einem schicken Zelt auf der Suche nach 385 potenziellen Arbeitskräften, in erster Linie ArbeiterInnen. Die Veranstaltung begann um 10 Uhr Vormittag und war eine Stunde später auch schon wieder vorbei. „Es kamen nur 30 Leute. Wir machten Werbung in den Gemeindehäusern, in den Massenmedien, wir sprachen die Menschen an. Vergeblich. Es interessiert sie nicht. Wie können wir mit dem Volksfest konkurrieren?“, meint Cezar Dinca, stellvertretender Leiter der Arbeitsvermittlungsagentur im Kreis Dambovita, die jedes Jahr etwa acht solcher Veranstaltungen organisiert.

Braindrain

Rumänien erlebt die schlimmste Beschäftigungskrise seit zehn Jahren. Einerseits haben Unternehmen Schwierigkeiten, Arbeitskräfte – ob hochqualifiziert oder berufsunerfahren – zu finden. Andrerseits klagen die Menschen über zu niedrige Löhne und viele suchen sich lieber eine bessere Arbeit im Ausland oder bleiben zu Hause und nehmen staatliche Beihilfen in Anspruch. Insgesamt werden landesweit noch immer hunderttausende Arbeitskräfte benötigt. Dem Bausektor allein mangelt es an etwa 250.000 gelernten oder ungelernten ArbeiterInnen.

Diese Situation entstand nicht von heute auf morgen. Es begann mit dem EU-Beitritt Rumäniens 2007. Laut Angaben des nationalen Instituts für Statistik (INS) wanderten in jenem Jahr über eine halbe Million Menschen aus, die meisten von ihnen hoch qualifizierte Fachkräfte.

Der Prozess schritt seitdem weiter voran, wenn auch nicht mit derselben Geschwindigkeit. Einen weiteren Höhepunkt – wie zuletzt vor acht Jahren – erreichte der Exodus 2017, als beinahe 220.000 RumänInnen, hauptsächlich junge Menschen, ins Ausland gingen. Das Land verlor damit im vergangenen Jahr mehr EinwohnerInnen, als in ganz Ploiesti, einer mittelgroßen Stadt, oder in Landkreisen wie Covasna oder Tulcea leben. Es war ein Jahr wirtschaftlichen Rekordwachstums, der Gehalts- und Pensionserhöhungen, aber auch massiver politischer Proteste, katastrophaler Reformen und Angriffen auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Cornel (rechts außen) hat kein Problem damit, dass seine Frau arbeitet und ihn mitversorgt. Sein Freund (hinten) arbeitet in Spanien als Orangenpflücker. Foto: © Magda Munteanu

„Die Personalsituation war noch nie so instabil wie in diesem Jahr. Vor sieben Monaten stellten wir 237 Personen ein; 206 von ihnen haben bereits wieder gekündigt. Wir bräuchten zusätzliche 200, um unsere laufenden Projekte abschließen zu können“, erzählt Mircea Bulboaca, Eigentümer der vor 28 Jahren gegründeten Baufirma CON-A. „Wir bieten Nettolöhne zwischen 400 Euro und 1.000 Euro. Sie kommen einfach nicht. Alle Fachkräfte sind ins Ausland gegangen. Ich erwäge, ArbeiterInnen aus Vietnam zu holen. Den Vertrag für die ersten 50 Leute habe ich bereits unterschrieben“, fügt er hinzu.

Trotz der laut Angaben der Nationalen Beschäftigungsagentur ANOFM beinah 30.000 offiziell verfügbaren Jobs ist der Arbeitsmarkt schwach und unter Druck. Daten der Zentralbank zufolge ist die Arbeitslosenquote mit 4,4 % niedrig; die Beschäftigungsrate lag im März bei 68 %. Das eigentliche Problem sind die Erwerbslosen, die keine Arbeit suchen. Ein Drittel der Menschen zwischen 15 und 64 waren Ende vergangenen Jahres nicht erwerbstätig und beinahe die Hälfte von ihnen verfügt nicht einmal über einen Sekundarschulabschluss.

„In der erwerbstätigen Bevölkerung des Landes herrscht ein riesiges Defizit hoch qualifizierter Menschen und ein Mangel an Fachkräften mit einschlägiger, fünf- bis zehnjähriger Erfahrung auf einem bestimmten Gebiet. Dazu kommt, dass die neue Generation – jene, die nach 1981 geboren sind – im Vergleich zur Generation davor eine andere Einstellung zur Arbeit hat“, meint Bogdan Stanciu, Geschäftsführer des Softwareunternehmens Bit Soft.

Staatliche Almosen

In Titu sind die letzten Firmen auf der Jobbörse gerade beim Zusammenpacken. Die Enttäuschung ist groß. „Wir hatten nur drei Interessenten. Einer wollte eine Bestätigung dafür, dass er nicht arbeitsfähig ist. Was soll ich mit dem anfangen?“, meinte die Vertreterin eines Unternehmens, das zehn ArbeiterInnen für seine lokale Fabrik suchte. Die Fabrik würde einer ungelernten Arbeitskraft 1.500 Leu (326 Euro) Nettogehalt plus Verpflegung und Transport anbieten, sagte sie. Anderen Firmen waren qualifizierte Arbeitskräfte bis zu 5.000 Leu (1.000 Euro) wert.

Menschen, die sich daran gewöhnt haben, nicht zu arbeiten und sich auf die paar Hundert Leu staatliche Beihilfe verlassen, fragen häufig nach Bescheinigungen zum Nachweis ihrer Arbeitsunfähigkeit. „Die meisten Menschen, die hierher kommen, wollen nicht arbeiten. Wenn ihnen der Staat Geld gibt, warum sollten sie dann arbeiten gehen? Für sie ist die staatliche Beihilfe eine lebenslange Pension ohne Verpflichtungen“, meint Cezar Dinca von der Arbeitsvermittlungsagentur im Kreis Dambovita.

Das eigentliche Problem sind die Erwerbslosen, die keine Arbeit suchen.

Beinah eine Viertelmillion Menschen sind in Rumänien auf staatliche Beihilfen angewiesen. Um ihren Bedarf an FachhandwerkerInnen zu decken, der im nationalen Bildungssystem keine Berücksichtigung findet, haben Unternehmen begonnen, ihre Leute selbst auszubilden. CON-A finanziert etwa eine Berufsschule für Schlosser, Schmiede und Tischler. „Letztes Jahr hat der erste Jahrgang seinen Abschluss gemacht. 12 von 25 SchülerInnen haben die Schule abgeschlossen. Drei von ihnen haben bei uns zu arbeiten begonnen. Zwei kündigten letztes Jahr. Einer ging vor einigen Monaten“, erzählte Bulboaca von CON-A.

Laut Angaben des Firmeneigentümers beträgt das durchschnittliche Nettogehalt bei CON-A über 3.200 Leu (knapp 700 Euro), ein für rumänische Verhältnisse angemessenes Einkommen. Bulboaca erklärte, dass er versucht habe, qualifizierte Arbeitskräfte zwischen 35 und 45, die ins Ausland gegangen waren, zurückzuholen. Der Grund, warum sie nicht nach Rumänien zurückkehrten, seien nicht die Gehälter, sondern das schlechte Bildungssystem, das schlechte Gesundheitssystem und die politische Misere. Auf landesweiter Ebene ist das Mindestnettogehalt in Rumänien in den vergangenen zehn Jahren um beinahe 250% gestiegen, von 120 Euro im Jahr 2008 auf mittlerweile 291 Euro.

Nelu war als Bauspezialist in verschiedenen Ländern tätig. Als er nach Rumänien zurückkehrte, kam er mit seinem Lohn nicht über die Runden. Deshalb eröffnete er mit seinen Ersparnissen eine Werkstatt für Pelznähmaschinen. Foto: © Magda Munteanu

Es ist zwei Uhr Nachmittag auf dem jährlichen Volksfest von Titu. Nelu spaziert an den Ständen vorbei und schleckt ein Eis. Der Bauspezialist ist beinahe 60 und hat bereits in verschiedenen Ländern gearbeitet. „Ich kehrte nach Rumänien zurück und bekam 1.500 Leu (ca. 300 Euro). Was soll ich mit so wenig Geld anfangen? Meine monatlichen Ausgaben belaufen sich auf über 2.000 Leu“, erzählt er. Er investierte seine Ersparnisse in eine Werkstatt für Pelznähmaschinen und reist durchs Land, um seine Produkte zu verkaufen.

„Fragen Sie mich doch, wie es ist, nur 2.200 Leu (470 Euro) Lohn im Monat zu bekommen“, meint ein 25-jähriger Mann, der sich gerade ein Bier gekauft hat. „Ich arbeite im Bauwesen, gerade bauen wir eine Schule. Das ist ein harter Job. Wenn ich mich verletze, bin ich nirgendwo versichert“, sagt er. Es ist Freitagnachmittag. Er sollte eigentlich in der Arbeit sein. „Was soll’s? Ich trinke noch dieses Bier aus und gehe dann zurück. Wozu die Eile?“, fragt er genervt. Musik. Laute Musik. Der Geruch von gebratenem Schweinefleisch. Autoscooter. Bier. Eine weitere Arbeitswoche geht zu Ende.

Original in Englisch. Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name der Autorin/des Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden. Autor: Magda Munteanu / erstestiftung.org.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Musik. Bier. Autoscooter. Eis. Jeans. Rauch. Das typische Ambiente eines Kleinstadtjahrmarkts. Foto: © Magda Munteanu.