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Der Horror von Vučjak

Zwischen Minen, Wölfen, Krätze und Schlagstock: Wie geflohene Menschen an der bosnisch-kroatischen Grenze überleben.

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Es gibt niemanden in Bihać, der keine Meinung zu ihnen hat, den Flüchtlingen. Welche man hört, hängt davon ab, wo man nach ihr fragt, und vor allem : wer gefragt wird.

Fragt man zum Beispiel die 54-jährige Blumenver­käuferin Snježana am Hauptplatz im Stadtzentrum, ist das erste, was sie sagt : Ka – tas – trofa – Katastrophe. Dann macht sie eine kurze Pause, schaut betroffen und beginnt zu erzählen. Sie sind krank, sie stinken und sind dreckig, sagt sie, und letztens hat mich einer von ihnen durch die Straße gejagt, als er die Geldbörse in meiner Hand gesehen hat. Während Snježana erzählt, greift sie unter den weißen Tresen ihres Blumengeschäftes und holt zwei kleine Gegenstände hervor. In der rechten Hand hält sie einen schwarzen Pfefferspray mit der gelben Aufschrift  “KO“, in der linken ein Hygienegel von der deutschen Marke Balea.

Sie weiß, sie dürfte den Spray eigentlich gar nicht besitzen, sagt sie, aber sie hat Angst und der Spray lindert sie, die Angst. Er verspricht Sicherheit, zumindest ein bisschen, in einer Stadt, die sich für Snježana unsicher anfühlt, seitdem junge, fremde Männer in Gruppen vor ihrem Geschäft stehen und um Geld betteln oder ihre Handys bei ihr laden wollen. Manchmal, das sagt sie ganz ehrlich, hat sie das Gefühl, dass die hier alles übernehmen werden und dass das nur noch eine Frage der Zeit sei. Es sind ja nur noch Flüchtlinge auf der Straße, unsere Leute haben sich alle zu Hause verkrochen oder wandern aus. 

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Vučjak liegt mitten im Wald und sei eine ehemalige Mülldeponie, von der erhebliche Gesundheitsrisiken ausgehen würden, der Ort sei umgeben von Minen aus dem Krieg. Foto: © PIXSELL / EXPA / picturedesk.com

Die Flüchtlinge, über die Snježana spricht, sind meist jung, männlich und kommen aus Pakistan, Afghanistan, dem Irak, manche auch aus Marokko. Sie schlendern in Gruppen über den Hauptplatz von Bihać, viele von ihnen sind in alte Decken eingemummt, schlafen unter Dachvorsprüngen oder suchen Schutz in den zahlreichen vom Jugoslawienkrieg übergeblie­benen Hausruinen. Einige tragen ihr Hab und Gut in Plastik­säcken mit sich, ihre durchgefrorenen Hände umklammern deren Henkel, egal, wohin sie gehen. Verzweifelt bitten sie die Verkäufer der offenen Läden am Hauptplatz darum, ihre Handys laden zu dürfen. Eine der Trafikantinnen kommt dieser Bitte gerne nach.

Ein paar hundert Meter weiter steht die lutrija, die Lotterie der Stadt. Ramo, ein Mitarbeiter der lutrija, trägt eine hellblaue Adidas-Kappe und eine eckige Brille. Seine Stimme ist so verraucht wie das kleine, abgedunkelte Lokal, in dem er sitzt und Lottoscheine ausfüllt. Ich wünschte, es würden sogar noch mehr kommen, sagt er, ich habe kein Problem mit ihnen, ganz im Gegenteil, sie sind meine Freunde. Probleme hat Ramo eher mit dem Nachbarn, der direkt über der Lotterie lebt und ihn vor kurzem heimlich bei der Polizei gemeldet hat, weil es ihn stört, dass Ramo die pakistanischen und afghanischen Flüchtlinge täglich von der Straße zu sich in die Lotterie einlädt und mit Essen und Kaffee versorgt. Ich habe ja keine Straftat begangen ! Niemand könne ihm vorschreiben, wen er zum Essen einlädt, auch nicht die Polizei, sagt Ramo.

Die meiste Zeit sitzt er auf seinem Barhocker und blickt abwechselnd auf den Fernsehbildschirm, der vor ihm an der Wand hängt, und auf die Lottoscheine, die am Tisch liegen. Ab und zu steht er auf und kommt näher – das macht er, wenn ihm etwas besonders wichtig ist, immer dann, wenn es darum geht, sein Gegenüber davon zu überzeugen, wie harmlos sie nicht sind, diese Flüchtlinge, über die alle sagen, dass sie stinken und krank sind. Ich würde auch stinken, wenn ich mich nicht duschen könnte, sagt er dann, die leben dort oben ja wie Viecher ! 

Dort oben – das ist ein Synonym für den Ort Vučjak geworden, der eine viertelstündige Autofahrt entfernt von Bihać liegt. Vučjak wird in internationalen Medien oft als  “Horrorcamp “ für Flüchtlinge bezeichnet. Es wurde im Frühsommer 2019 auf einer ehemaligen Mülldeponie errichtet, der Bürgermeister Bihaćs, Šuhret Fazlić, tat das in der Hoffnung, die EU würde ihm später noch dabei helfen, ein ordentliches Camp daraus zu machen. Hat sie aber nicht. Für die rund 700 bis tausend Geflüchteten, die dort unter widrigsten Umständen leben, sorgen zurzeit vier bis fünf Mitarbeiter des lokalen Roten Kreuzes. Zwei Mal am Tag werden kleine Mahlzeiten ausgegeben.

Nach einem Innenministertreffen Anfang November in Wien hat der bosnische Sicherheitsminister Dragan Mektić öffentlich die Schließung des „Camps “ angekündigt und stattdessen die Eröffnung zweier neuer Camps in ehemaligen Militärkasernen vorgeschlagen, um die Stadt Bihać zu entlasten. Und während nun in fast allen aktuellen Medienberichten von der Schließung Vučjaks die Rede ist, glauben die Menschen vor Ort nicht richtig daran.

Das mag an der Unglaubwürdigkeit einzelner Poli­tiker im Land liegen, es liegt aber vor allem daran, dass es kaum ein Land auf dieser Welt gibt, in dem politische Entscheidungen so schwer zu treffen sind wie in Bosnien. Das Land, welches aus zwei Landesteilen, zehn Kantonen und einem selbstständigen Distrikt besteht, hat drei Staatsoberhäupter, 14 Parlamente und nahezu 150 Minister und wird von Experten deswegen oft als „ das komplizierteste politische System der Welt “ bezeichnet. Hinzu kommt, dass Bosnien seit den letzten Wahlen im Jahr 2018 immer noch keine neue Regierung hat und somit in einer poli­tischen Übergangsphase steckt. Das alles sind nur einige von vielen Gründen, warum bis heute kein neuer Ort für die Unterbringung der Flüchtlinge aus Vučjak in Bosnien organisiert werden konnte. Ein weiterer triftiger : In Bosnien gehören die meisten Grundstücke lokalen Kommunen oder Privatpersonen, die sich meist gegen die Errichtung eines Flüchtlingscamps auf ihren Grundstücken aussprechen.

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Unweit von den Schlafplätzen der Lager­bewohner befinden sich die sogenannten "suspected areas" mit Landminen. In der Mitte ist ein kleiner Wassertank, aus welchem ein dünner Gartenschlauch führt, mit dem sich die Menschen unter freiem Himmel in der Kälte „duschen“ können. Foto: © PIXSELL / EXPA / picturedesk.com

Der Weg nach Vučjak führt über steile Serpentinen den Berg hinauf, bis die kurvige Straße schließlich in eine steinige voller Schlaglöcher mündet. Am Ende dieser Straße warten zwei Polizisten in einem kleinen Container, die streng kontrollieren, wer in das „Camp“ kommt. Sie haben keine guten Erfahrungen mit den ausländischen Journalisten gemacht, die in den vergangenen Wochen hier waren.

Die Unmenschlichkeit des Ortes Vučjak äußert sich dann gleich in seinem Anblick : Undichte, löchrige Zelte, die bei der Errichtung von einer türkischen NGO gespendet wurden und nun als Unterkünfte dienen, sind von Müll und vor allem Landminen umgeben, die es in Bosnien auch ein Vierteljahrhundert nach dem Jugoslawienkrieg noch zuhauf gibt. Eine kleine, alte Karte nahe des Einganges, die den Eindruck erweckt, sie käme noch aus dem Krieg, macht auf die Landminen aufmerksam : Auf ihr sind die „suspected areas“ eingezeichnet, denn diese befinden sich unweit von den Schlafplätzen der Lager­bewohner, unweit von dem kleinen Wassertank, aus welchem ein dünner Gartenschlauch führt, mit dem sich die Menschen unter freiem Himmel in der Kälte „duschen“ können. Ist den Bewohnern diese Gefahr bewusst ? Die haben andere Sorgen, sagt ein junger Mitarbeiter des Roten Kreuzes.

Die Geflüchteten waten in zerschlissenen Schuhen knöcheltief durch den Schlamm. Der Schlamm ist überall : zwischen den Zelten, in den Zelten, auf den Schlafplätzen. Und auch hier ist der Begriff Schlafplatz wieder nur eine weitere Verharmlosung, denn diese Menschen schlafen auf nichts weiter als durchlöcherten Plastik­planen. Mit ein wenig Glück haben manche noch ihren eigenen Schlafsack von der Flucht bei sich, der ihnen ein wenig Schutz vor der Kälte spendet.

Aufgrund der mangelnden Hygiene im „Camp“ leiden viele Flüchtlinge unter der hochansteckenden Hautkrankheit Krätze. Manchmal sind Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ hier, heute, an einem Samstag, ist jedoch keiner anwesend. Wenn die Organisation vor Ort ist, versorgt das Ärzteteam die Menschen lieber außerhalb des „Camps“, weil es mit seiner Anwesenheit Vučjak nicht als offizielles Camp legitimieren will. Hier oben, an einem Ort ohne Heizung, misst man durchschnittlich fünf Grad Celsius weniger als in der tiefergelegenen Stadt Bihać.

Der kalte Winter in Bosnien, welcher in den nächsten Wochen über das Land hereinbrechen wird, lässt keine Zweifel daran, dass eine humanitäre Katastrophe vor der Tür steht, wenn nicht bald eine Alternative zu Vučjak gefunden wird. Das ist vielleicht auch der Grund, warum kaum jemand Flüchtlingscamp oder provisorisches Aufnahmezentrum zu Vučjak sagen möchte, Ramo aus der Lotterie nicht, aber auch Peter Van der Auweraert nicht, der Westbalkan-Koor­dinator der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Und das ist vermutlich eine der wenigen Meinungen, die hier in Bihać alle miteinander teilen : Vučjak ist ein Ort, der nicht existieren sollte.

Während im Jahr 2015 die meisten Flüchtlinge noch von Griechenland aus über Mazedonien, Serbien, Ungarn nach Österreich und Deutschland kamen, nehmen sie heute den Weg über Bosnien nach Kroatien, dem jüngsten EU-Mitgliedsstaat – und scheitern dabei regelmäßig an der bosnisch-kroatischen Grenze. Dort werden sie von der kroatischen Polizei aufgegriffen und zurück nach Bosnien geprügelt. Davor nimmt die Polizei ihnen noch ihre Handys ab, zertrümmert sie, verbrennt ihre Schlaf­säcke und schickt sie ohne Schuhe in den Wald zurück nach Bosnien. „Pushbacks“ werden diese brutalen Zurückweisungen an der Grenze genannt, die verschiedene NGOs, wie etwa Amnesty International oder NoNameKitchen, schon seit über einem Jahr in Berichten und mit Fotos von verwundeten Flücht­lingen dokumentieren.

Eine ehrenamtliche Helferin, die na­­­mentlich nicht genannt werden möchte, wirkt müde, als sie davon erzählt : Auch sie dokumentiert die Gewalt, die gegen die Geflüchteten von der kroatischen Polizei  eingesetzt wird. Sie versucht langsam und durch viele Gespräche das Vertrauen der betroffenen Flüchtlinge zu gewinnen, damit diese ihr davon erzählen, wie sie an der kroatischen Grenze niedergeschlagen wurden. Sie macht Fotos der teils schweren Verletzungen, ohne die Gesichter der Flüchtlinge zu zeigen, und veröffentlicht diese gemeinsam mit den Schilderungen in sogenannten „violence reports“, die man auf der Homepage „Border Violence Monitoring“ abrufen kann.

Diese muss man erst gar nicht nachgelesen haben, wenn man in Bihać ist, denn jeder weiß von dem bru­talen Vorgehen der kroatischen Polizei, auch Ramo, zu dem regelmäßig zusammengeschlagene und teils schwer verwundete Flüchtlinge in die Lotterie humpeln. Die Tat­sache, dass Kroatien kurz vor einem Beitritt in den EU-­Schengenraum steht, lässt vermuten, dass es der kro­­­a­tischen Regierung vor allem darum geht, sich als effektiver Beschützer der EU-Außengrenze zu beweisen, die nun entlang ihrer eigenen Grenze verläuft. Das bleibt auf der Ebene der Union nicht unbemerkt, auch in Österreich nicht, wo Karoline Edtstadler, die Delegationslei­terin der ÖVP im EU-Parlament, sich erst kürzlich der APA gegenüber positiv über den effektiven Grenzschutz der kroatischen Polizei äußerte und deswegen dafür plädiert, den jüngsten EU-Mitgliedstaat mit offenen Armen im Schengenraum willkommen zu heißen.

Spricht man mit den Männern, die sich dieser Tage in Vučjak in einer Schlange vor dem Essen aneinanderreihen, dann wird klar, was dieser effektive Grenzschutz bedeutet. Es gibt kaum jemanden, der hier keine Geschichten von der brutalen kroatischen Polizei erzählen kann. Schuhe, Schlaf­säcke, Essen, Geld : Sie nehmen uns alles weg. Auch unsere Handys, sagt Subhan, ein 24-jähriger Flüchtling aus Af­­ghanistan. Das hindert die jungen Männer aber nicht daran, immer wieder und wieder zu versuchen, über die kroatische Grenze zu kommen. Sie nennen diese wortwörtlichen Anlaufversuche zynisch the game, das Spiel.

Sie nennen diese wortwörtlichen Anlaufversuche zynisch „the game“, das Spiel.

Auch ein junger Mann aus Pakistan erzählt von der Gewalt. 25 Mal hat er das game über die kroatische Grenze versucht, 25 Mal hat ihn die kroatische Polizei wieder zurück nach Bosnien geprügelt, erzählt er. Aber ich werde es wieder versuchen, sagt der junge, dünne Mann in einem schwarzen Hemd und lacht. Wie kann ein Mensch nach solchen Erfahrungen noch so viel Lebensmut in sich tragen ? Sie müssen das tun, anders würden sie nicht überleben, meint die freiwillige Helferin: Für die geflüchteten Menschen ist das ein Schutzmechanismus, der sie am Leben hält, denn aufgeben können sie nicht, erzählt sie und wirkt dabei selbst taub von all dem Leid, dessen Zeugin sie im Zuge ihrer violence reports wurde.

Manche schaffen es tatsächlich illegal über die bergige Grenze nach Kroatien, vorbei an den Minen, Bären und Wölfen in den Wäldern. Dann speichern sie ihre Route auf Google Maps ab und schicken sie ihren zurückgebliebenen Leidensgenossen per Handy zu. Die meisten allerdings landen wieder barfuß und schwer verletzt im Norden Bosniens, entweder in Bihać oder in dessen Nach­barort Velika Kladuša. Meist findet sich in beiden Orten kein Platz mehr in den überfüllten, offiziellen Flüchtlingscamps der Vereinten Nationen, und so streunen sie entweder tagsüber obdachlos durch die Straßen und lassen sich in alten, vom Jugoslawienkrieg zerbombten Häusern nieder, oder  werden von der Polizei aufgegriffen und zurück nach Vučjak, dem „Horrorcamp “, ge­­bracht.

Beide Städte, sowohl Bihać als auch Velika Kladuša, fühlen sich mit der jetzigen Situation alleine gelassen: von der EU, von der bosnischen Zentralregierung in Sarajevo, von den Vereinten Nationen. Allein in der 60.000-Einwohner-Stadt Bihać halten sich gerade laut Schätzungen der Stadtregierung etwa 4.000 bis 6.000 Migranten auf – das sind zehn Prozent unserer Bevölkerung, sagt der Pressesprecher des Bürgermeisters, und es werden immer mehr.

Das Büro von Elmedin Mehadžić ist in den letzten Tagen und Wochen zu einem Magnetfeld geworden, das Journalisten aus aller Welt anzieht. Gerade eben hatte er noch ein Interview mit dem russischen Fernsehen, danach hat er gleich den nächsten Pressetermin, erzählt er und lächelt müde. Man merkt, dass Mehadžić, der Sprecher einer kleinen Stadt wie Bihać, diese Art von Aufmerksamkeit nicht gewohnt ist. Während des Gesprächs leuchtet sein Handy immer wieder auf und vibriert, aber er ignoriert die meisten Anrufe und antwortet unbeirrt auf die Fragen, die man ihm stellt.

Und die drehen sich seit Wochen nur um: Vučjak. Denn: die Entscheidung, dieses „Camp“ zu errichten, hat Bürgermeister Fazlić im Mai dieses Jahres getroffen, und diese Entscheidung muss sein Sprecher Mehadžić nun vor aller Welt verteidigen: Wir hatten die Wahl, die Flüchtlinge direkt in der Stadt Bihać unterzubringen und dafür den Unmut unserer Bevölkerung auf uns zu ziehen – oder aber sie außerhalb der Stadt nach Vučjak zu bringen, erklärt er, wir haben uns für die zweite Variante entschieden – in der Hoffnung, dass die Internationale Organisation für Migration (IOM), die Geld von der EU bekommt, sich hinter uns stellt und dort ein ordentliches Camp errichtet.

Fragt man direkt bei der IOM nach, so fällt deren Antwort harsch aus : Schon als Bürgermeister Fazlić den Ort Vučjak zum ersten Mal als mögliches Camp vorgeschlagen hat, haben wir ganz klar gesagt, dass wir als IOM den Ort nicht akzeptieren werden, weil wir nicht garantieren können, dass die Flüchtlinge dort sicher sind, sagt Westbalkan-Koordinator Peter Van der Au­­weraert von der IOM. Er sagt es so, als hätte er es schon unzählige Male erklärt : gebetsmühlenartig. Vučjak sei eine ehemalige Mülldeponie, von der erhebliche Gesundheitsrisiken ausgehen würden, der Ort sei umgeben von Minen aus dem Krieg, es gebe keine Elektrizität, nicht einmal eine ordentliche Straße, um nach Vučjak zu kommen, zählt er auf. Das alles, betont Van der Auweraert, sind die Gründe, warum die IOM dort kein Camp errichten wollte, und das alles habe der Bürgermeister der Stadt Bihać gewusst. Er hat aber trotz unserer Einwände entschieden, dort ein Camp zu errichten, und deswegen sind wir jetzt in dieser Situation, sagt Van der Auweraert und fügt hinzu, dass Vučjak nie die Lösung war oder sein wird.

„Er hat aber trotz unserer Einwände entschieden, dort ein Camp zu errichten, und deswegen sind wir jetzt in dieser Situation.“

– Van der Auweraert, der Westbalkan-Koor­dinator der IOM

Warum für den Staat Bosnien die finanzielle Unterstützung durch internationale Organisationen wie die IOM so wichtig ist, versteht man, wenn man ein Camp besucht, das von genau dieser Organisation geleitet wird. Ein solches Camp befindet sich in Velika Kladuša und heißt Camp Miral. Damit die derzeit rund 470 Camp-­Bewohner überhaupt erst aufgenommen werden konnten, wurden sie zuerst beim SFA registriert, dem Service for Foreign Affairs, eine Verwaltungseinheit des Sicherheitsministeriums, die für die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern in Bosnien zuständig ist. Anschließend vergibt IOM eine Art Ausweis mit Foto an die Flüchtlinge. Anders können sie die Eingangstore des Camps auch nicht passieren : Securitys fordern streng dazu auf, den Ausweis zu zeigen. Die, die es am meisten brauchen,  werden hier registriert, erzählt eine IOM-Mitarbeiterin knapp und meint damit: Menschen, die schwer krank oder verletzt sind, oder aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht.

Man muss nicht viel Zeit im Camp Miral verbringen, um zu erkennen, dass dieser Ort nicht vergleichbar mit Vučjak ist: Hier schlafen die Flüchtlinge in einer beheizbaren Halle und können an überdachten Feuerstellen oder in einer kleinen Innen­küche kochen, sie schneiden sich gegenseitig die Haare oder verkaufen Kleinigkeiten wie Schuhe oder Kleidungsstücke untereinander.

Vor dem Camp stehen obdachlose Geflüchtete, für die es keinen Platz mehr gibt. Sie frieren, bitten und flehen die Securitys der IOM an, ihnen wenigstens einen Arzt im Camp zu vermitteln, weil sie krank sind und eine Behandlung brauchen. Nur ein Eisentor trennt sie von der Hilfe der IOM-Mitarbeiter, die ihren Anblick nur schwer ertragen.

Freiwillige Organisationen versuchen sie wenigstens mit Essen und Kleidung zu versorgen, und das möglichst unauffällig. Wir müssen aufpassen, schildert eine freiwillige Helferin, die anonym bleiben will, denn ein offizielles Arbeitsvisum für freiwillige Helfer bekäme in Bosnien nahezu niemand, wahrscheinlich auch deshalb, weil wir die Gewalt an der kroatischen Grenze dokumentieren, meint sie. Sie arbeitet – wie ihre Kollegen – mit einer sogenannten „white card“, einem 30-tägigen Touristenvisum, das nur auf insgesamt 90 Tage verlängert werden kann. Wenn sie bei ihrer „Arbeit“ gesehen und nach ihren Pässen gefragt werden, lügen sie, sie seien Touristen.

Wie all diese obdachlosen Menschen und die Campbewohner Vučjaks den Winter überleben sollen, weiß niemand. Mehadžić, Pressesprecher des Bürgermeisters, sagt in seinem kleinen Büro in Bihać : Vučjak wird sicher nicht schließen, definitiv nicht. So lange nicht, bis wir einen neuen Ort finden, wo wir die Flüchtlinge stattdessen unterbringen können. Wenn man ihn dann auf die Worte des heimischen Sicherheitsministers Mektić anspricht, der die Schließung angekündigt hat, muss er fast ein bisschen schmunzeln : Man sollte Mektić nicht zu viel glauben, sagt er, ich glaube jedenfalls nicht daran. Und mit dieser Meinung steht Mehadžić nicht alleine da. Fragt man nämlich einen älteren Mitarbeiter des lokalen Roten Kreuzes, ob er an die Schließung Vučjaks glaubt, beginnt er zu lachen: Was Politiker in Bosnien sagen und was sie tun, sind zwei Paar Schuhe, sagt er sichtlich amüsiert.

„Was Politiker in Bosnien sagen und was sie tun, sind zwei Paar Schuhe.“

– ein Mitarbeiter des lokalen Roten Kreuzes

Fazlić, der Bürgermeister von Bihać, hat vor einer Woche den Ort Lipa als Alternative für Vučjak vorgeschlagen – eine Weide im Besitz der Stadt Bihać, die ungefähr 22 Kilometer von der Stadt entfernt liegt, aber keinerlei Infrastruktur bietet. Und obwohl Fazlić und sein Sprecher überzeugt davon sind, dass es mit den Geldern der EU und unter der Leitung der IOM schnell möglich wäre, auf dem Grundstück in Lipa ein offizielles Flüchtlingscamp aufzubauen und es mit Wasser, Strom und Zelten auszustatten, ist IOM-Vertreter Peter Van der Auweraert anderer Meinung : Lipa ist ein Feld, das ohne Wasser und Elek­trizität irgendwo im Nirgendwo steht. Selbst wenn die EU-Delegation es als Alternative zu Vučjak akzeptieren sollte, wird es eine Zeit lang dauern, dort eine ordentliche Unterbringung für Flüchtlinge zu errichten, und ist somit keine kurzfristige Lösung.

Die EU-Delegation in Bosnien akzeptiert Lipa aber nicht als Alternative. Und sie braucht nicht einmal einen Tag, um genau das in einer kurzen Mail über ihre Pressestelle ausrichten zu lassen: Lipa kann jetzt nicht die Antwort sein, heißt es, und: die EU sei zwar bereit, Bosnien bei der Planung einer langfristigen Lösung zu unterstützen, aber oberste Priorität sei nun, eine schnelle Lösung zu finden, noch vor dem Winter.

Warum Mehadžić trotzdem sagt, dass er nun gemeinsam mit Bürgermeister Fazlić bezüglich Lipa auf grünes Licht der EU hofft, ist nicht klar. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass alle Parteien hier in Bihać, die immer wieder betonen, wie wichtig es sei, Vučjak endlich zu schließen – die EU-Delegation, die IOM, die Stadt Bihać selbst – gar nicht miteinander kommunizieren, oder sich gegenseitig einfach nicht zuhören.

Während die Uneinigkeit auf politischer Ebene kein Ende nimmt, wird es in Bosnien jeden Tag kälter, und die Mitarbeiter des lokalen Roten Kreuzes immer ungeduldiger. Ein 19-Jähriger, der schon seit Errichtung des “Camps“ in Vučjak aushilft, sagt, dass niemand sich vorstellen könne, was er hier alles schon gesehen habe. Seit Monaten fährt er jeden Tag um 7:30 Uhr mit den anderen vier Mitarbeitern die holprige Bergstraße hinauf und teilt in Vučjak das Frühstück aus. Heute bekommen die Flüchtlinge, von denen er viele schon beim Vornamen kennt, drei leere Scheiben Brot mit Pastete. Wie so oft reicht es aber nicht für alle. An manchen Tagen, sagt er, würde er am liebsten aufhören, aber dann erinnert er sich wieder daran, dass die Menschen hier – ohne ihn und seine vier Kollegen – wirklich endgültig auf sich alleine gestellt wären.

Erstmals publiziert im Dezember 2019 im DATUM.

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