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Standpunkte

„Der Balkan gehört zu Europa.“

Alida Vračić über die Frage, ob Europa die Abwanderung der jungen Generation auf dem Balkan stoppen kann.

9. Januar 2020
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Die hohe Abwanderungsrate gefährdet die Zukunftsperspektiven des Westbalkans massiv – die Frage ist, ob eine klarere Aussicht auf einen EU-Beitritt diesen Trend umkehren kann.

Im Rahmen einer hochrangig besetzten Tagung in Bled (Slowenien) äußerte der Außenminister Nordmazedoniens Nikola Dimitrov kürzlich die Hoffnung auf den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen seines Landes im Oktober. Er betonte zudem, dass dieser Schritt dazu beitragen würde, junge Menschen davon abzubringen, ihre Heimat zu verlassen, um andernorts einen „europäischen Lebensstil“ zu führen. Es war einer der seltenen Anlässe, da ein führender Politiker eines Westbalkanstaates die Abwanderung thematisierte und die Hoffnung kundtat, der Trend könnte durch die richtigen Entscheidungen und die Aussicht auf einen EU-Beitritt aufgehalten werden. Die große Frage ist jedoch, ob die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen, bzw. letztendlich die Mitgliedschaft in der Union, junge qualifizierte Frauen und Männer tatsächlich überzeugen kann, in der Region zu bleiben.

Die sechs Westbalkanstaaten zählen nach wie vor zu den ärmsten Gegenden Europas und der Prozess der Angleichung an europäische Standards schreitet nur langsam voran.

Noch schwieriger wird die Antwort, wenn man die sechs Westbalkanstaaten – Albanien, Bosnien, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien – mit dem benachbarten Kroatien vergleicht. Dort ist die Emigrationsrate seit – und trotz – der EU-Mitgliedschaft 2013 sprunghaft angestiegen. Viele Menschen in Kroatien hofften, dass der EU-Beitritt genügend Anreize bieten würde, im eigenen Land zu bleiben, was jedoch nicht der Fall war. Kann die EU dennoch Wunder wirken? Für die meisten Beobachter der Region sieht die Situation, was die Abwanderung anbelangt, düster aus.

Den aktuellsten Daten von Eurostat zufolge haben im vergangenen Jahr etwa 230.000 Menschen die Region verlassen. Die meisten Auswanderer stammten aus Albanien (62.000), gefolgt von Bosnien und Herzegowina (53.500), Serbien (51.000), Kosovo (34.500), Nordmazedonien (24.300) und Montenegro (3.000). Eine Gallup-Studie hat indes ergeben, dass rund 46 Prozent der Menschen in Serbien zwischen 15 und 29 Jahren ihre Heimat dauerhaft verlassen wollen. Bei Personen mit hohem Bildungsabschluss sind es 27 Prozent, die den Wunsch äußerten, endgültig auszuwandern. Und die betroffenen Länder zahlen dafür einen hohen Preis.

Angesichts der Tatsache, dass vier von fünf jungen Serbinnen und Serben mit dem Gedanken spielen, auszuwandern, könnte diese Abwanderung von Humankapital einem Bericht der Westminster Foundation aus dem Jahr 2019 zufolge Serbien möglicherweise bis zu 1,2 Milliarden Euro jährlich kosten. Kein Land in der Region kann sich das wirklich leisten. In den umliegenden Staaten ist die Situation ähnlich. Zahlen wie diese sollten jedem bewusst machen, wie dringlich das Thema ist.

Europe's Futures

Europa erlebt seine dramatischste und herausforderndste Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Das europäische Projekt steht auf dem Spiel und die liberale Demokratie wird sowohl von innen als auch von außen gefordert. Von allen Seiten der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ist es dringend erforderlich, sich mit den brennenden Problemen zu befassen und das, was durch das politische Friedensprojekt sorgfältig erreicht wurde, zu bekräftigen.

Zwischen 2018 und 2021 engagieren sich jedes Jahr sechs bis acht führende europäische Expertinnen und Experten als Europe’s Futures Fellows. Sie schaffen damit eine einzigartige eine Plattform der Ideen, um grundlegende Maßnahmen zu präsentieren, deren Ziel es ist, die Vision und Realität Europas zu stärken und voranzutreiben. Europe’s Futures basiert auf eingehenden Untersuchungen, konkreten politischen Vorschlägen und dem Austausch mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, dem öffentlichen Diskurs und Medien.

Im Vergleich zu den Volkswirtschaften Westeuropas haben die Länder der Region wenig zu bieten. Die sechs Westbalkanstaaten zählen nach wie vor zu den ärmsten Gegenden Europas und der Prozess der Angleichung an europäische Standards schreitet nur langsam voran. Für die Mehrheit der lokalen politischen Eliten spielen persönliche Vorteile und private Geschäftsinteressen allem Anschein nach eine größere Rolle als das Wohl der Gesellschaft. Gut bezahlte Jobs sind rar. 2018 waren 1,15 Millionen Menschen in der Region arbeitslos. Das sind zwar weniger als im Jahr zuvor, der Rückgang in Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo war jedoch maßgeblich durch eine höhere Erwerbslosigkeit und voraussichtliche Abwanderung bedingt, wodurch die Erwerbsquote sank. Im diesjährigen Bericht der Weltbank über den Westbalkan heißt es dazu: „Werden die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Humankapital nicht angegangen, so wird dies die Wachstumschancen und Armutsbekämpfung erheblich einschränken.“

“Mehr Europa”?

Nicht jeder verlässt seine Heimat aus rein wirtschaftlichen Interessen. Berichten zufolge flüchten viele vor der „vergifteten“ Atmosphäre und dem eklatanten Mangel an Perspektiven. Ein „Mehr Europa“ am Westbalkan könnte möglicherweise zu einem Umdenken führen. Auch wenn die Menschen in der Region von den jahrzehntelangen leeren Versprechungen der lokalen Eliten desillusioniert sind, ist die Vision einer langfristigen EU-Perspektive nach wie vor ungebrochen.

In allen sechs Staaten sind die Bürgerinnen und Bürger tendenziell der Ansicht, dass eine Mitgliedschaft dem eigenen Land mehr Vor- als Nachteile bringen würde. Zumindest vier von fünf Einwohnerinnen und Einwohnern dieser Staaten glauben, dass eine EU-Mitgliedschaft ihrem Land oder ihrer Region nützen würde. Für viele eröffnen sich mit dem EU-Beitrittsprozess positive Perspektiven in vielerlei Hinsicht. Die Menschen in der Region verbinden eine Mitgliedschaft mit verbesserten Lebensstandards, Beschäftigungswachstum, besserer Ausbildung, saubereren Straßen, ordentlicher Abfallentsorgung und einem zivilisierteren und anständigeren politischen Diskurs. Eine Mitgliedschaft verspricht ein besseres Leben.

Bislang jedoch haben die Bemühungen der EU, ihre transformative Kraft auf die lokale Ebene und die Menschen zu übertragen, keine nachhaltigen Veränderungen bewirkt – weder in der Politik noch in den Abläufen. Zudem bleiben die Menschen dem politischen Diskurs in ihren Ländern weitgehend fern. Auf Seiten der EU steht die Erweiterung schon seit Jahren nicht mehr auf der Tagesordnung. Der mangelnde Wille zu einer Erweiterung seitens der wichtigsten EU-Länder hat wenig überraschend dazu geführt, dass immer mehr Menschen auf dem Westbalkan glauben, ihre Region werde nie Teil der EU werden. Deshalb entschließen sie sich, zu emigrieren – in die EU.

© Darko Bandic / AP / picturedesk.com
An einer Bushaltestelle in Imotski, Südkroatien, sind die Namen meist junger Leute auf Ziegelsteinen geschrieben. Auf der Suche nach Arbeitsplätzen und Möglichkeiten haben sie kürzlich ihre Heimat verlassen und sind ins Ausland gegangen. Foto: © Darko Bandic / AP / picturedesk.com

Geben die derzeitigen Botschaften aus Brüssel Anlass zur Hoffnung? Ursula von der Leyen, die nunmehr erste weibliche Präsidentin der Europäischen Kommission, erklärte: „Der Westbalkan ist für die Europäische Union von großer Bedeutung. Er gehört zu Europa. Und deshalb werde ich die zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen den Ländern des Westbalkans und der Europäischen Union so gut wie möglich unterstützen.“ Von der Leyen wird das Ruder der EU-Exekutive offiziell am 31. Oktober übernehmen – am selben Tag, an dem Großbritannien die Union verlassen soll. Wie viel Europa die neue Kommission dem Westbalkan bringen wird, wird mit ziemlicher Sicherheit das Schicksal vieler entscheiden, die sich mit dem Gedanken spielen, auszuwandern.

Wie viel Europa die neue Kommission dem Westbalkan bringen wird, wird mit ziemlicher Sicherheit das Schicksal vieler entscheiden, die sich mit dem Gedanken spielen, auszuwandern.

Fehlt es an überzeugenden Narrativen offener, ehrlicher und engagierter Personen, so führt dies – wie der Westbalkan bereits mehrfach miterlebt hat – zum Scheitern. Kompetente tatkräftige und engagierte Persönlichkeiten können jedoch dringend notwendige Erfolge bewirken. Von größter Bedeutung ist ein umsichtiges Abwägen, wer den Erweiterungsprozess leiten soll. Selbst die schlagkräftigsten Instrumente der EU haben ihre Grenzen. Von Benchmarking über Monitoring bis hin zu technischer Unterstützung und Heranführungshilfen – der Erfolg auf dem Westbalkan wird tiefgreifende Änderungen erfordern. Es steht viel auf dem Spiel, nicht nur für diese Region. Wenn es nicht bald zu deutlichen Verbesserungen kommt, wird der Westbalkan mit ziemlicher Sicherheit vor ernsten demografischen Herausforderungen stehen. Eine Massenabwanderung wird zu einem gravierenden Mangel an Arbeitskräften und Fachleuten führen, was wiederum unmittelbare und langfristige Auswirkungen zur Folge haben wird. Die größten Kosten wird jedoch die Unterstützung jener Länder verursachen, denen die besten und klügsten Köpfe längst abhandengekommen sind.

Der Artikel gibt die Meinung der Autorin wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 7. Oktober 2019 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Alida Vračić. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Eine junge Frau vor der Nationalbibliothek in Pristina. Foto: © Loulou D’Aki / Agence Vu / picturedesk.com