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Bulgariens demografische Trendwende?

Bulgarien schlägt neues Kapitel in der langen Geschichte des Bevölkerungsrückgangs auf, beobachtet Tim Judah.

17. August 2020
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Bulgarien steht vor enormen demografischen Herausforderungen. Die jüngsten Migrationstrends geben jedoch zumindest Anlass zu vorsichtigem Optimismus, meinen Optimisten.

Googelt man „Bulgarien“ und „Bevölkerungsentwicklung“, erfährt man rasch, worüber Medien und Wissenschaft seit Jahren berichten: Die Bevölkerung des Landes gehört zu den am schnellsten schrumpfenden der Welt. Das lässt sich nicht schönreden. „Ich denke, es ist klar“, meint Sergey Tsvetarsky, Leiter des Nationalen Statistischen Instituts (NSI), „dass es nicht so gut aussieht.“

Die Gesamtzahlen sprechen Bände. Im Jahr 1988 erreichte die Einwohnerzahl Bulgariens mit 8,9 Millionen ihren Höchststand. Mittlerweile liegt sie bei 6,9 Millionen. Demzufolge ist die Bevölkerung des Landes in etwas mehr als drei Jahrzehnten um satte 22,5 Prozent zurückgegangen. Dieser Schwund ist noch dramatischer als in Bosnien und Herzegowina, wo vier Jahre lang Krieg herrschte. Der „realistischen“ (um nicht zu sagen pessimistischen) Prognose des NSI zufolge wird die Bevölkerung des Landes weiter schrumpfen, was bis 2050 zu einem 35-prozentigem Rückgang gegenüber 1988 führen wird.

Im Jahr 1950 wurde in Bulgarien eine Rekordzahl von 182.571 Babys geboren. Mit einigen Schwankungen ist diese Zahl seither rückläufig. Im vergangenen Jahr kamen in Bulgarien 61.538 Kinder zur Welt. 1950 wurde mit 108.437 mehr Geburten als Sterbefällen auch der höchste natürliche Zuwachs aller Zeiten verzeichnet. Seit 1990 übersteigen jedoch die Sterbefälle die Geburten. Letztes Jahr starben 46.545 mehr Bulgarinnen und Bulgaren als geboren wurden.

Viele Menschen sind in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgewandert, insbesondere seit Bulgarien 2007 der Europäischen Union beigetreten ist. Im Jahr 2010 waren 308.089 bulgarische Staatsbürgerinnen und -bürger als in der EU28 plus den vier Ländern der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) wohnhaft registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher gewesen sein, inkludiert man Personen, die sich illegal in diesen Ländern aufhielten und arbeiteten und erst zu einem späteren Zeitpunkt ihren Status legalisierten. Bis 2019 war diese Zahl jedenfalls auf 890.000 angestiegen.

Im Jahr 2005 waren allein in Deutschland 39.153 Bulgarinnen und Bulgaren registriert. 2019 stieg diese Zahl um 820 Prozent auf 360.170. Auch in der Türkei leben mehrere Hunderttausend Bulgarinnen und Bulgaren. Laut Tsvetarsky leben heute bis zu 1,5 Millionen bulgarische Staatsbürgerinnen und -bürger im Ausland. Seiner Ansicht nach ist der rasche Bevölkerungsrückgang in Bulgarien je zur Hälfte auf Abwanderung und natürliche Ursachen zurückzuführen.

Letzteres hängt mit der niedrigen Geburtenziffer des Landes zusammen. Mit 1,58 entspricht die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Anzahl von Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens zur Welt bringt, jedoch fast genau dem EU-Durchschnitt. In der schwierigen Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sank das Geburtenniveau Bulgariens 1997 jedoch auf 1,1. Um die Bevölkerung auf einem konstanten Niveau zu halten, müsste der Wert 2,1 betragen.

Was die Situation im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern noch verschärft, ist – abgesehen von der Geburtenrate – die hohe Sterblichkeitsrate. Bulgarinnen und Bulgaren können damit rechnen, 74,9 Jahre alt zu werden – das ist die niedrigste Lebenserwartung in der EU. Allein hinter dieser Zahl verbergen sich ernste Probleme. Frauen leben beispielsweise durchschnittlich sieben Jahre länger als Männer. Laut der Leiterin der Abteilung für Bevölkerungs- und Sozialstatistiken beim NSI Magdalena Kostova hat sich die Lebenserwartung von Männern aufgrund der ungewöhnlich hohen Zahl von Bulgaren, die im Alter von 40 bis 60 Jahren sterben, verringert.

Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bevölkerungsveränderung in Bulgarien. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Nach Rumänien hat Bulgarien auch die höchste Kindersterblichkeitsrate in der EU, was sich wiederum auf die Lebenserwartung auswirkt. Obwohl dazu keine konkreten Daten vorliegen, könnte dies auf ernsthafte Probleme hinweisen, was die Gesundheitssituation der meist armen Roma-Minderheit in Bulgarien betrifft.

Hin und her

In unterschiedlichem Maße leiden alle ehemals kommunistischen Länder Europas unter den gleichen Grundproblemen alternder Gesellschaften, niedriger Geburtenraten und Abwanderung. Aber in jedem Land ist die Entwicklung im Laufe der Jahre anders verlaufen.

Ein Faktor, der nur auf Bulgarien zutrifft, ist die türkische Minderheit. Hunderttausende sind in den letzten anderthalb Jahrhunderten ausgewandert, geflohen oder mit der Türkei „ausgetauscht“ worden. Ebenso kamen vor dem Zweiten Weltkrieg Hunderttausende ethnische Bulgarinnen und Bulgaren aus der Türkei und Griechenland ins Land.

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Auch nach dem Krieg gab es mehrere Auswanderungswellen bulgarischer Türken und Muslime, insbesondere 1989. Mit der Öffnung der Grenzen flohen damals etwa 350.000 bzw. weit über ein Drittel der türkischen Minderheit vor der jahrelangen erzwungenen „Bulgarisierung“ durch das kommunistische Regime, die auch die Änderung türkischer Namen in christliche und slawische vorsah.

Genaue Zahlen sind zwar nicht bekannt, aber rund die Hälfte kehrte nach dem Sturz des Kommunismus Ende 1989 zurück, wobei viele, als die Wirtschaft in den 1990er-Jahren zusammenbrach, erneut das Land verließen.

Im Jahr 2015 lebten 378.658 in Bulgarien geborene Menschen in der Türkei, eine Zahl, die in 15 Jahren um 100.000 geschrumpft war. Im Gegensatz zu den Türken und Muslimen, die in der Vergangenheit vom Balkan in die Türkei eingewandert waren, waren die bulgarischen Türken erst vor relativ kurzer Zeit in die Türkei gekommen und unterhielten oft enge Beziehungen zu ihrem Herkunftsland.

Im Unterschied zu früheren Generationen konnten sie beide Staatsbürgerschaften behalten und problemlos zwischen ihrer neuen und alten Heimat hin- und herpendeln.

Mit dem EU-Beitritt Bulgariens 2007 und dem daraus folgenden uneingeschränkten Aufenthalts- und Arbeitsrecht für alle Bürgerinnen und Bürger gewann die bulgarische Staatsbürgerschaft für jeden, den es in den Westen zog, gegenüber der türkischen an Wert.

Tatsächlich kehren jeden Sommer zahlreiche Menschen zurück, um ihre Dokumente zu verlängern. Außerdem lassen sich in den letzten Jahren immer mehr Menschen in ihrer Pension wieder an ihrem alten Wohnsitz in Bulgarien nieder oder kehren zurück, um eine Beschäftigung anzunehmen oder ein Unternehmen zu gründen. Im Jahr 2019 kamen 14.640 Personen aus der Türkei nach Bulgarien, die überwiegende Mehrheit von ihnen bulgarische Türken.

Bis in die 1990er-Jahre emigrierten bulgarische Türken in die Türkei, aber jetzt wandern sie, wie andere Bulgarinnen und Bulgaren auch, in die EU aus. Sie folgen damit nicht nur ihren bulgarischen Landsleuten aus Bulgarien, sondern auch Tausenden ethnischen Bulgaren aus der Ukraine und der Republik Moldau, denen die bulgarische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde, sowie vielen der 81.000 Bürgerinnen und Bürgern Nordmazedoniens, die sich für die bulgarische Staatsbürgerschaft entschieden haben.

Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bulgarien – Demografische Kennzahlen. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Bulgarischen Nationalisten lag viel daran, Mazedoniern und ethnischen Bulgaren im Ausland die Staatsbürgerschaft zu gewähren, meint Marin Lessenski vom Open Society Institut in Sofia. Das Credo lautete: „Gebt ihnen Pässe und sie werden kommen“, so Lessenski. „Doch sie nahmen die Pässe und zogen stattdessen nach Westeuropa.“ Das bedeutet, dass eine beträchtliche, aber unbekannte Zahl von Bulgarinnen und Bulgaren, die als im Ausland ansässig registriert sind, entweder aus Mazedonien stammen oder Personen sind, die nie in Bulgarien gelebt haben.

Vom Mangel an Arbeitsplätzen zum Mangel an Arbeitskräften

In den vergangenen 30 Jahren vollzog sich die Geschichte der Emigration aus Bulgarien in verschiedenen Kapiteln. Da war zunächst die Flucht der bulgarischen Türken, deren Abwanderung zu berücksichtigen ist, will man die heutige Bevölkerung Bulgariens mit der von 1990 vergleichen.

Mit dem Zusammenbruch der alten Planwirtschaft erwiesen sich die 1990er-Jahre dann als ein außergewöhnlich schwieriges Jahrzehnt. Bulgarien hinderte seine Bürgerinnen und Bürger zwar nicht mehr daran, ins Ausland zu gehen, Visa für westliche Länder waren jedoch schwierig zu bekommen. Personen, die mit ihren Familien in den 1990er-Jahren abwanderten, verfügten daher in der Regel über eine bessere Bildung und höhere Qualifikationen und waren im Ausland – vor allem in Nordamerika – als Zuwanderer willkommen.

In den 2000er-Jahren ließen sich immer mehr Bulgarinnen und Bulgaren in der EU nieder, wo sie häufig einer illegalen Beschäftigung nachgingen, zunächst etwa als Saisonniers im Tourismus in Griechenland und in der Landwirtschaft in Spanien und Italien.

Im Jahr 2007 folgte der EU-Beitritt Bulgariens, seine Bürgerinnen und Bürger erhielten jedoch in vielen Ländern der Union bis 2014 kein uneingeschränktes Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Fortan versuchten viele, ihren Status zu legalisieren, während andere emigrierten. In den letzten Jahren setzte eine neue Entwicklung ein. Bulgarien mag das ärmste Mitglied der EU sein, aber zumindest bis zum Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat sich die Wirtschaft jedes Jahr positiv entwickelt.

Die Rückkehr der Gärtner

Wer hat das Obst gepflückt oder das Gemüse geerntet, das Sie essen? Wenn Sie in Mittel- oder Westeuropa leben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es von einer Bulgarin oder einem Bulgaren ausgegraben, gepflückt oder geerntet wurde.

Seit über zwanzig Jahren sind Bulgarinnen und Bulgaren entweder als Zuwanderer oder Erntehelfer auf den Feldern und Obstplantagen in Ländern wie Spanien, Italien oder Großbritannien im Einsatz.

Wer im Westen glaubt, dass dies ein relativ neues Phänomen ist, der irrt.

Für die Bevölkerung Bulgariens bedeutete das Ende des Kalten Krieges nicht nur, dass sie wieder ins Ausland reisen konnten, sondern ermöglichte auch die Wiederaufnahme des „Gurbetchiystvo“, der jahrhundertealten Tradition der Arbeitsmigration.

Vor mehr als 300 Jahren zogen Bulgarinnen und Bulgaren erstmals ins Ausland, um im Gartenbau zu arbeiten, schrieb die Historikerin Marijana Jakimova. Im späten 17. Jahrhundert rekrutierten die osmanischen Besatzer während ihrer Kriege gegen Österreich-Ungarn und Russland Bulgaren für den Gemüseanbau für ihre Garnisonen. Später wurden ihnen als Gegenleistung für die Ausübung anderer Gewerbe Privilegien verliehen. In den 1830er-Jahren waren bulgarische Gemüsebauern laut Aufzeichnungen in Belgrad tätig.

Als österreichisch-ungarische Städte wie Wien und Budapest im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu florieren und wachsen begannen, legten Bulgaren an den Stadträndern Gemüsegärten zur Versorgung der Bevölkerung an.

Ähnlich wie heute wurden einige dort sesshaft, wo sie Arbeit fanden, während andere über den Winter nach Hause zurückkehrten. Für die Versorgung der Familie oder den Hausbau wurde Geld in die Heimat geschickt.

Die Blütezeit der bulgarischen Gemüsebauern Mitteleuropas war die Zeit zwischen den Kriegen. Nach dem Balkankrieg und dem Ersten Weltkrieg war Bulgarien zerstört, gleichzeitig mussten die Städte, die aus dem chaotischen Zerfall des Österreichisch-Ungarischen Reichs hervorgingen, ihre Bevölkerung ernähren. In Österreich erhielten die Bulgaren das Recht, ihre Gärtnereien weiterführen zu können.

In der Zwischenkriegszeit arbeiteten die Gemüsebauern auch in Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen und Jugoslawien.

In Österreich wurden sie jedoch so erfolgreich, dass heimische Mitbewerber Mitte der 1930er-Jahre versuchten, sie aus dem Land zu verdrängen. Das änderte sich 1938 schlagartig, als Hitler das Land besetzte. Mit Bulgarien wurde ein Vorläufer der Anwerbeabkommen der Nachkriegszeit unterzeichnet. Fortan wurden bulgarische Landarbeiter immer wichtiger, da sie mit Ausbruch des Kriegs immer mehr Deutsche und Österreicher ersetzen mussten, die an die Front geschickt wurden.

Dieses Kapitel nahm einen tragischen Ausgang. Jakimova zufolge wurden diejenigen, die nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehrten, als „Kollaborateure“ hingerichtet.

Die Arbeitsmigration beschränkte sich jedoch nicht nur auf Landarbeiter. Bautrupps, die zuweilen sämtliche arbeitsfähigen Männer eines Dorfes umfassten, zogen im 19. Jahrhundert zwischen Frühjahr und Herbst über den Balkan und Kleinasien.

Der Historiker Dimitar Bechev merkte ferner an, dass die osmanische Hauptstadt Istanbul bis zur Gründung des modernen bulgarischen Staates 1878 die größte städtische Siedlung Bulgariens war und Arbeitsuchende und Geschäftsleute anzog.

Seine eigenen Vorfahren, die aus dem heute bulgarischen Teil der Rhodopen in Thrakien stammen, arbeiteten als Schneider an der mittlerweile türkischen Ägäisküste bei Izmir (vormals Smyrna), wo es ihnen und ihren Familien, da sie griechisch sprachen, leichtfiel, sich in die damals dort ansässigen griechischen Gemeinschaften zu integrieren.

Wie überall in Europa wanderten auch Bulgaren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großer Zahl in die USA aus. Dort zog es sie typischerweise in die Industriestädte Ohio, Pennsylvania und Indiana. Im Jahr 1924 setzten die USA der Masseneinwanderung ein Ende, sodass diejenigen, die danach kamen, häufig in südamerikanische Länder wie Argentinien und Uruguay weiterzogen.

Das Ende des Kommunismus machte den Weg wieder frei für Auswanderung und Saisonarbeit. In den 1990er-Jahren boten sich den höher Qualifizierten mehr Möglichkeiten, viele gingen nach Chicago und Toronto, die sich zu den größten bulgarischen Gemeinden außerhalb Bulgariens entwickelten. Ab der Jahrhundertwende stieg jedoch die Zahl der Auswanderer, die zunächst illegal in EU-Ländern arbeiteten. Mit dem EU-Beitritt 2007 konnten sie dort nach und nach auch einer legalen Beschäftigung nachgehen.

Nun aber hat die schrumpfende Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter dazu geführt, dass nicht mehr die Arbeitslosigkeit, sondern der Arbeitskräftemangel zum Hauptproblem geworden ist. Im Jahr 2001 lag die Arbeitslosenquote Bulgariens bei 20,3 Prozent. Im Jahr 2019 betrug sie 4,2 Prozent, und dem Ökonomen Georgi Angelov zufolge hatte das Land zugleich die höchste Beschäftigungsquote aller Zeiten.

In den 1990er-Jahren, so Angelov, „war die Wirtschaftslage so schlecht, dass die Menschen das Land verließen und in den Westen zogen. Dann aber kehrte sich die Situation um. Aufgrund der sich verschlechternden demografischen Entwicklung haben wir nun nicht genug Arbeitskräfte!“ Die Lage habe sich in den vergangenen drei Jahren „dramatisch verändert“, so Angelov.

Der Arbeitskräftemangel hat verschiedene Auswirkungen. Die Löhne seien Angelov zufolge um rund 12 Prozent pro Jahr gestiegen. Das hält ausländische Firmen davon ab, in Bulgarien zu investieren. Bereits ansässige Unternehmen ziehen sich jedoch nicht zurück, sondern eröffnen Fabriken in ehemals strukturschwachen Teilen des Landes.

Die Beschäftigungsraten älterer Erwerbspersonen und Minderheiten steigen, und da auch die Löhne in die Höhe schnellen, so Angelov, werde Bulgarien „immer attraktiver“. Ein Rückgang der Nettomigration ist die Folge, da mehr Menschen entweder ins Land zurückkehren oder zuwandern.

So überstieg beispielsweise im vergangenen Jahr die Zahl der Abwanderungen die der Zuwanderungen nur um 2.012 Personen. Das sei eine drastische Veränderung gegenüber dem Jahrzehnt davor, so Tsvetarsky, als es noch rund 30.000 Personen waren. Die Aufschlüsselung der Nettomigrationszahl bringt jedoch interessante Details zutage. Berücksichtigt man nur bulgarische Staatsbürgerinnen und -bürger, so haben 14.376 mehr das Land verlassen als zurückgekehrt sind. Mit 23.555 war die Zahl der Rückkehrer jedoch noch nie so hoch wie heute.

In anderen Balkanländern besteht die große Schwierigkeit darin, dass die Behörden keine Ahnung haben, wie viele Menschen das Land verlassen und wie viele zurückkehren. Das war früher auch in Bulgarien ein ernstes Problem, doch mittlerweile hat sich die Situation gebessert.

Häufiger als je zuvor lassen sich Bulgaren vor einer Übersiedelung ins Ausland registrieren, um eine Doppelbesteuerung und die doppelte Zahlung der Krankenversicherungsbeiträge zu vermeiden. In zunehmendem Maße melden sie den Behörden auch ihre Rückkehr und können so eine Fülle von Dienstleistungen in Anspruch nehmen – von einem Kindergartenplatz bis hin zur Ausstellung eines Anwohnerparkausweises für Teile Sofias.

Aus diesem Grund waren die Bevölkerungsdaten Bulgariens, auch wenn sie sicherlich nach wie vor Lücken aufweisen, noch nie so zuverlässig wie heute. Die vermehrten Registrierungen deuten jedoch womöglich nicht auf hohe Zahlen hinsichtlich des Ausmaßes der Bevölkerungsbewegung hin, sondern sind vielmehr darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen ihren Aufenthaltsstatus im Heimatland bzw. Ausland legalisieren – was sie zuvor nicht taten – oder jeglichen Wohnortwechsel melden, was sie früher nicht für nötig hielten.

Wer – abgesehen von den zurückkehrenden Bulgarinnen und Bulgaren – kommt noch nach Bulgarien? Im vergangenen Jahr ließen sich 14.374 ausländische Bürgerinnen und Bürger im Land nieder, während 2.010 Bulgarien verließen. Unter den Zuwanderern gab es gewiss auch Personen bulgarischer Nationalität, in erster Linie Pensionistinnen und Pensionisten, die eine ausländische Staatsbürgerschaft erworben haben. Auch Türkinnen und Türken zählten dazu, sowie mehrere Tausend Russinnen und Russen, die sich nach ihrer Pensionierung vor allem an der Schwarzmeerküste niedergelassen haben.

Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen haben jedoch zumindest bis zur Pandemie auch immer mehr junge und gut ausgebildete Bulgarinnen und Bulgaren zu einer Rückkehr bewogen. Hristo Boyadzhiev leitet Tuk-Tam (zu Deutsch: „Hier-Da“), eine Netzwerkorganisation, die die Diaspora mit ihrem Heimatland verbindet. Die Situation sei heute völlig anders als in den 1990er-Jahren, als diejenigen, die das Land verließen, dies meist „ohne die Absicht, zurückzukehren“ taten, es sei denn, sie wollten sich zur Ruhe setzen. Heute, sagt er, „gibt es ganz andere Möglichkeiten.“

Diskriminierungshintergrund

Nicht nur in den letzten Jahrzehnten sorgte man sich in Bulgaren, insbesondere in nationalistischen politischen Kreisen, um das demografische Schicksal der Nation. Anfang der 1980er-Jahre spielten die Kommunisten angesichts der sinkenden Geburtenziffer und ihrer möglichen Auswirkungen unter anderem mit der Idee, junge Menschen dazu zu animieren, in einer quixotischen und gescheiterten „Republik der Jugend“ in der Region Strandscha im Südosten Bulgariens zu leben.

In der Vergangenheit gab die höhere Geburtenrate der bulgarischen Türken Anlass zu Befürchtungen, sie könnten die orthodoxen Bulgaren zahlenmäßig verdrängen. Heute ist ihre Geburtenrate gleich hoch bzw. niedriger, und ihr Anteil an der Bevölkerung dürfte sich gegenüber den 8,8 Prozent laut Volkszählung 2011 nicht verändert haben.

Im Visier der bulgarischen Nationalisten stehen jetzt die Roma, die eine höhere Geburtenrate aufweisen. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist jedoch nicht bekannt, da sich viele Roma nicht als solche bekennen. Konkrete politische Maßnahmen mit dem Ziel, bulgarische Familien zu mehr Kindern zu ermutigen, sind kaum bekannt.

Ein unausgesprochener Grund dürfte aber darin liegen, dass dieses Thema den Nationalisten, die dieses Ressort in den letzten Jahren in der Regierung innehatten, zwar Sorgen bereitet, sie jedoch noch größere Sorge haben, die finanzielle Anreize für größere Familien könnten bei orthodoxen Bulgaren keine Wirkung zeigen, sehr wohl aber die ungeliebten Roma ermutigen.

Im Gegenzug hat der Arbeitskräftemangel dazu geführt, dass Roma und bulgarische Türken zum ersten Mal seit dem Fall des Kommunismus Arbeit in Bereichen finden, die ihnen zuvor aufgrund von Diskriminierung verwehrt waren. Wenn sie nicht über die entsprechenden Qualifikationen verfügen, werden sie seit Jahrzehnten erstmals von den Arbeitgebern, die verzweifelt nach Arbeitskräften suchen, geschult.

Über Faktoren wie geringe Qualifikationen und niedrige Bildungsstandards, die beispielsweise mit den niedrigen Löhnen für Lehrkräfte zusammenhängen, wurde im Land lange Zeit hinweggesehen. Nun hat sich die Regierung dieser Probleme angenommen. Zu den Maßnahmen der letzten Jahre zählt etwa der Versuch, Schulabbrecher ausfindig zu machen. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass viele von ihnen mit ihren Eltern ausgewandert sind und nicht mehr im Land leben. Ein Großteil derer, die noch hier sind, sind jedoch Roma, von denen viele jetzt wieder eine Schule besuchen.

Vorsichtiger Optimismus

Der „realistischen“ Prognose des NSI zufolge wird die Bevölkerung Bulgariens im Jahr 2030 auf 6,53 Millionen gesunken sein. 2050 werden es 5,8 Millionen und 4,9 Millionen im Jahr 2080 sein. Tsvetarsky bleibt optimistisch, vor allem, wenn sich der Nettomigrationstrend der letzten Jahre fortsetzt und mehr Menschen nach Bulgarien zurückkehren.

Bei guter Wirtschaftslage werde sich die Bevölkerung seiner Meinung nach zwischen 2040 und 2050 bei etwa sechs Millionen einpendeln. Er warnt jedoch davor, sich allein auf die Größe der bulgarischen Bevölkerung zu konzentrieren und die Bevölkerungsstruktur außer Acht zu lassen, im Hinblick darauf, dass die Bulgarinnen und Bulgaren immer älter und schlechter ausgebildet seien. „Diese Faktoren verdienen mehr Aufmerksamkeit“, so Tsvetarsky.

Bulgarien steht vor enormen demografischen Herausforderungen. Mittlerweile sind die Vorbereitungen für die Volkszählung im nächsten Jahr angelaufen, deren Ergebnis richtungsweisend sein wird. Boyadzhiev von Tuk-Tam verweist auf den Schweden Hans Rosling, der in seinem Bestseller „Factfulness“ argumentierte, dass Pessimismus häufig aus Beurteilungen resultiere, die auf nicht mehr gültigen Daten beruhten. „Das BIP entwickelt sich gut, wir wachsen, also bin ich eher auf der Seite des vorsichtigen Optimismus.“

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 9. Juli 2020 auf Reportingdemocracy.org einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Illustration © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy