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Standpunkte

Billy Elliots surrealer Tanz

Zur Freiheit der Kunst und Zensur in Ungarn

31. Juli 2018
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Volles Haus und stürmischer Applaus in der Sonntagsmatinee im Budapester Erkel-Theater. Doch als die Schauspielerinnen und Schauspieler am Ende der Vorstellung winkten, sah das nach Abschiednehmen aus: wie das Ende eines erfolgreichen Bühnenmusicals, das von der antiliberalen Bigotterie der populistisch-konservativen ungarischen Regierung abgesetzt wurde.

Dabei ist die Geschichte etwas komplizierter. Billy Elliot, das Musical von Elton John, löste in Ungarn eine hitzige Debatte über die Freiheit der Kunst und Zensur aus. Das Stück erzählt die Geschichte vom Traum eines Bergmannssohns, der in den 1980er Jahren Balletttänzer in Großbritannien werden will. Ballett wird von seiner gesamten Umgebung als unmännliches Hobby angesehen. Aber trotz aller Widrigkeiten schafft er es am Ende doch.

Billy Elliot – Das Musical (Sir Elton John/Lee Hall), Erkel-Theater Budapest, Szenenfoto ©: Péter Rákossy/Erkel-Theater

Das Erkel-Theater (die Billigversion der ungarischen Staatsoper) spielt Billy Elliot seit mehr als zwei Jahren. Niemand hat sich bisher wirklich dafür interessiert. Doch Anfang Juni lancierte die regierungstreue Tageszeitung Magyar Idők aus heiterem Himmel einen Angriff unter der Gürtellinie auf das Musical und den Direktor der ungarischen Staatsoper, weil sie eine Aufführung ermöglichten, die „die Homosexualität in einem Land fördert, das mit demografischen Problemen zu kämpfen hat“.

„Die Aufführung fördert Homosexualität in einem Land, das mit demographischen Problemen zu kämpfen hat.“

– Zsófia N. Horváth, Journalistin bei Magyar Idők

Als wichtigsten Beweis führt die Autorin des Kommentars – eine bis dato unbekannte Journalistin – die Szenen an, in denen Billy Elliott und sein Freund Frauenkleider anprobieren oder Billy statt einer weiblichen Ballerina mit dem Prinz in Schwanensee tanzt. Abschließend fordert die Autorin, dass das Musical abgesetzt werden solle, denn es sei der staatlich subventionierten Oper unwürdig diese Art schwuler Propaganda zuzulassen, die das junge Publikum anstecken könnte.

Billy Elliot – Das Musical (Sir Elton John/Lee Hall), Erkel-Theater Budapest, Szenenfoto ©: Péter Rákossy/Erkel-Theater

Dreimal darf man raten, was folgte. Der Direktor der ungarischen Staatsoper, der von der Fidesz eingesetzte Szilveszter Ókovács, lehnte die Kritik zunächst entrüstet ab, doch wenig später erschien auf der Website des Erkel-Theaters eine Ankündigung, dass Billy Elliot abgesetzt wird. Nicht einmal das Ensemble war zuvor über die Entscheidung informiert worden. Um das Gesicht zu wahren wurde betont, dass nicht alle Vorstellungen abgesagt werden – das hätte zu sehr nach totaler Kapitulation ausgesehen -, sondern nur fünfzehn, der insgesamt 44 im Sommerspielplan. Nichtsdestotrotz war die offizielle Erklärung am deutlichsten: „Das Interesse an der Aufführung ist aufgrund der negativen Presseberichte deutlich zurückgegangen“.

Es ist schwierig zu beurteilen, ob dies der wahre Grund ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass negative Nachrichten besser sind als gar keine Nachrichten. Der vielfach nachgedruckte mediale Angriff hätte das Interesse und letztlich den Umsatz steigern können. Auf der anderen Seite ist das Erkel ein riesiges Theater für über 2000 Zuschauer, das in den Sommermonaten nur schwer zu bespielen ist – Effizienz könnte auch eine Rolle gespielt haben, wie Operndirektor Ókovács in einem späteren Versuch zu betonen versuchte.

Dieses Argument würde ziehen, wenn es sich um einen Einzelfall handelte. Tut es nicht. Seit dem jüngsten Erdrutschsieg der Fidesz im April wird die Absicht immer spürbarer, die letzte Bastion der sogenannten Liberalen – eine Bezeichnung für alle, die der Fidesz kritisch gegenüber stehen – in Ungarn zu erobern: den Kulturbereich. Während die politische Entscheidungsfindung vollständig in den Händen von Fidesz liegt und die Wirtschaft nach und nach von regierungsnahen Oligarchen übernommen wird, gibt es – wie ärgerlich! – keine Spur von konservativer Kontrolle im Kulturbereich. Zumindest noch nicht genug. Die Wende hat im kulturellen Leben nicht stattgefunden, SchriftstellerInnen, MusikerInnen und FilmemacherInnen wagen es, die ungarische Regierung bei öffentlichen Veranstaltungen zu kritisieren und dennoch öffentliche Mittel zu erhalten. Dies ist unzulässig.

Billy Elliot – Das Musical (Sir Elton John/Lee Hall), Erkel-Theater Budapest, Szenenfoto ©: Péter Rákossy/Erkel-Theater

Der lächerliche Angriff gegen Billy Elliot ist nur eine Schlacht in dieser Operation. Die von der Regierung gesponserte Zeitung Magyar Idők hat eine Artikelserie veröffentlicht, in der „Pseudo-Liberale“ aufgelistet sind, die von Fidesz benannt wurden, aber immer noch gute Kontakte zum „Feind“ haben. Der Direktor des Petőfi-Literaturmuseums, der frühere Botschafter von Berlin und Bern, Gergely Prőhle, musste öffentlich sein Programm verteidigen, Schriftsteller wie Péter Nádas oder György Dragomán eingeladen und eine Geburtstagsfeier für György Konrád (alle als vehementer Kritiker des Regimes eingestuft) organisiert zu haben. Die bekannte und angesehene Budapester Buchmesse wurde ebenfalls ins Visier genommen, weil sie Daniel Kehlmann eingeladen hatte, der in Interviews mit seiner negativen Meinung über die Fidesz-Regierung nicht hinter dem Berg hielt.

In Ungarn kann ein kleines Propagandablatt die Kulturpolitik diktieren.

In einem normalen Land käme es niemandem in den Sinn einer Zeitung wie Magyar Idők zu antworten, die eine Auflage von etwa 6000 Exemplaren verkauft. Aber Ungarn ist kein normales Land. Hier kann ein kleines Propagandablatt, das als Sprachrohr der Regierung gilt, die Kulturpolitik diktieren, denn – und das ist das Wesen des Systems – niemand, nicht einmal Menschen, die dem Fidesz-Regime ergeben sind, können sich auf ihren Stühlen sicher fühlen. Die irrationalen Regeln und die Gesellschaft passen sich einander an.


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Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Billy Elliot – Das Musical (Sir Elton John/Lee Hall), Erkel-Theater Budapest, Szenenfoto ©: Péter Rákossy/Erkel-Theater.