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Interview

Bewegungen gründen, Haltungen verändern

Johanna Mair im Interview zur Relevanz von sozialer Innovation am Arbeitsmarkt

5. September 2019
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Innovative Ideen zu skalieren schafft Inklusion am Arbeitsmarkt. Sagt Johanna Mair, die sich seit vielen Jahren mit der Wirksamkeit von sozialer Innovation beschäftigt. Maribel Königer fragt die Expertin, die in Stanford forscht und an der Hertie School of Governance in Berlin unterrichtet, warum sie Skalierung für einen integralen Bestandteil des Innovationsprozesses hält.

Was genau ist eigentlich „soziale Innovation“ nach Ihrer Definition?

Soziale Innovation nennt man den Prozess, der in Gang gesetzt wird, um zur Bewältigung sozialer Probleme und gesellschaftlicher Herausforderungen neue Ideen und neuartige Ansätze zu entwickeln. Dabei werden verschiedene Methoden, Ressourcen und Praktiken gekoppelt und neu kombiniert. Viele dieser Ansätze und Modelle werden außerhalb des privaten oder öffentlichen Sektors entwickelt und bestimmen nachhaltig die Spielregeln.

Johanna Mair

Johanna Mair leitet das Global Innovation for Impact Lab an der Stanford University in Kalifornien, ist wissenschaftliche Redakteurin der Stanford Social Innovation Review, Senior Research Fellow an der Harvard Kennedy School und war als Gastwissenschaftlerin an der Harvard Business School und am INSEAD tätig. An der Hertie School of Governance in Berlin unterrichtet sie als Professorin für Organisation, Strategie und Leadership.

In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Frage, wie neue Organisationsmodelle und Institutionsformen wirtschaftliche und soziale Entwicklungen ermöglichen können. Sie ist Mitglied des Vorstands mehrer Organisationen und Stiftungen und berät Unternehmen, Regierungen und wirkungsorientierte Investoren zum Thema soziale Innovationen.

Foto: ©  Hertie School of Governance

Technische Innovationen sind in aller Munde, soziale Innovationen bekommen, so scheint es, weniger öffentliche Aufmerksamkeit. Warum sind sie trotzdem wichtig?

Gerade wegen der technischen Veränderungen brauchen wir soziale Innovationen. So haben wir zum Beispiel noch überhaupt keine adäquaten Werkzeuge, um die Folgen der digitalen Revolution zu bewältigen. In der Wirtschaft werden neue Organisationsformen auf uns zu kommen, die die Beziehung von Angebot und Nachfrage verändern werden. Der Arbeitsmarkt – der Zugang zu und die Verteilung von Arbeit – wird durch ein komplexes Paket sich ständig ändernder gesetzlicher und freiwilliger Regelungen organisiert. Diese Dynamik führt dazu, dass wirksame Instrumente und Vorschriften veralten und erneuert werden müssen.

Ohne technischen Fortschritt also kein Anlass für soziale Innovation?

Iwo, das sind nur die neuen Herausforderungen. Daneben gibt es aber noch genügend „Dauerbrenner“: etwa die große Zahl von Frauen oder marginalisierten Menschen, denen immer noch ein gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt und faire Behandlung verweigert werden.

Können Sie erklären, wie soziale Innovation für den Arbeitsmarkt funktioniert?

Ein Beispiel ist Impact Sourcing. Der technologische Fortschritt erhöht die Nachfrage nach digitalen Lösungen und bietet berufliche Möglichkeiten für digital ausgebildete Arbeitskräfte auf der ganzen Welt, einschließlich armer und ländlicher Gemeinschaften. Impact Sourcing kombiniert diesen stark nachgefragten digitalen Arbeitsmarkt mit einem neuartigen Ansatz zur Bekämpfung von Armut vor Ort. Organisationen wie Samasource bieten ihren Kunden weltweit kostengünstige Outsourcing-Lösungen für Geschäftsprozesse, indem lokale Mitarbeiter in unterversorgten Gemeinden geschult werden, um die globale Nachfrage auf dem digitalen Arbeitsmarkt zu befriedigen.

Ist das nicht eine andere Form Arbeit in Niedriglohnländer zu verlagern?

Keineswegs. Diese innovative Lösung war zwar ursprünglich auf ländliche und arme Regionen in Indien und Afrika ausgerichtet, inzwischen richtet sie sich aber zunehmend an armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen in den Vereinigten Staaten, wie z. B. Ehepartner von Militärangehörigen und Veteranen. In Europa bieten Organisationen wie ReDI School Programmierlehrgänge für Asylbewerber in Deutschland an und vernetzen sie mit der lokalen Start-up- und Digitalbranche.

Das heißt, soziale Innovationsmodelle erhöhen Diversität am Arbeitsmarkt?

Genau. Sie machen ihn beispielsweise durchlässiger für diejenigen, die aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen ausgeschlossen sind. Organisationen wie Specialisterne heben die besonderen und einzigartigen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus hervor und bauen auf diesen Kompetenzen eine Reihe von Geschäftsmodellen auf, darunter IT-Beratung. Eine andere Organisation, discovering hands, hat ein innovatives Modell entwickelt, das die einzigartigen Tastfähigkeiten blinder und stark sehbehinderter Menschen zur Früherkennung von Brustkrebs nutzt.

Das sind jetzt aber echte Nischenbegabungen, oder?

Darum geht es nicht. Es geht grundsätzlich vielmehr darum, wen wir als Teil des formellen Arbeitsmarktes betrachten. Organisationen wie Nidan haben etwa in Indien den Arbeitsmarkt total umgekrempelt. Sie haben für informelle Arbeiter und Straßenverkäufer Infrastrukturen und Plattformen aufgebaut und kümmern sich um deren Anliegen, auch auf politischer Ebene. Nidan hat zum Beispiel mehr als 700.000 Arbeiter und ihre Familien in neun Bundesstaaten Indiens für den Arbeitsmarkt fit gemacht.

Damit reichen diese Initiativen wiederum weit über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen hinaus, nicht wahr?

Das kann man so sagen. Dank solcher Erfolge halten Regierungen und politische Entscheidungsträger soziale Innovation zunehmend für ein kostengünstiges Allheilmittel: Es schafft neue Arbeitsplätze, fördert Beschäftigung und bildet gleichzeitig inklusive Gesellschaften.

Und? Ist es eins?

Soziale Innovation hat definitiv das Potential nachhaltig auf Probleme einzuwirken. Damit das aber gelingt, muss sie mit einer wirksamen Strategie zur Skalierung kombiniert werden. Die Umsetzung neuer Ideen und ihre Verbreitung müssen mit vorhandenen organisatorischen Stärken in Einklang gebracht werden. Das ist weniger sexy als Innovation, denn da geht es hauptsächlich um langweilige und mühsame Routinearbeit. Skalierung ist jedoch für wirksame soziale Innovation unerlässlich. Da geht es weniger um die „richtige“ Lösung, sondern vielmehr darum, ob es gelingt Haltungen und Vorstellungen zu ändern, die in der Gesellschaft vorherrschen.

Welche Rolle spielen dabei Organisationen?

Für die ist das eine besondere Herausforderung, da sie die direkte Kontrolle über den Skalierungsprozess abgeben müssen. Damit Skalierungsstrategien wirken, muss man eine Bewegung gründen, die Politik beeinflussen und Verhaltens- und Denkmuster tiefgreifend verändern. Sowas ist für organisatorische Kontrolle eher irrelevant. Um effektiv skalieren zu können, müssen Organisationen über das hinausdenken, was sie allein erreichen können. Sie müssen sich überlegen, wie sie mit anderen Sektoren zusammenarbeiten. Die Beispiele, die ich vorhin genannt habe, zeigen, dass wirksame soziale Innovation Partner einbezieht. Es braucht Mobilisierung und Fürsprache. Specialisterne hat sich von Anfang an mit einem der größten IT-Unternehmen der Welt zusammengetan. Nidan hat Einfluss auf die Politik genommen, weil sie den Aufbau von Beziehungen zu politischen Entscheidungsträgern von Anfang an zu einer zentralen Säule ihrer Arbeit gemacht haben.

Julius aus dem Slum Kibera in Nairobi unterrichtet junge Männer in seiner Gemeinde und ermutigt sie, in der Schule zu bleiben und Banden zu meiden. Foto: © Samasource

Das heißt, dass soziale Innovation im Idealfall nicht nur in ein inklusives Ergebnis mündet, sondern auch schon im Prozess integrativ sein muss?

Genau! Der Aufbau von Skalierungskapazitäten in Organisationen allein reicht nicht. Soziale Innovationen müssen vom privaten Sektor aufgegriffen bzw. vom öffentlichen Sektor angenommen werden. Wenn man diese Zusammenarbeit in der Entwicklung der Innovation frühzeitig mitdenkt, hilft das enorm. Auf den Arbeitsmärkten geht es um das Humankapital der Gesellschaft. Es geht um Menschen.

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