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Interview

„Jede Stadt ist voller Geister.“

Florian Hirsch im Gespräch mit der Autorin Barbi Marković.

2. Oktober 2017
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Die aus Belgrad stammende Autorin Barbi Marković lässt in ihrem Debütroman drei Superheldinnen auf Wien, Berlin und Sarajevo los. Mit Florian Hirsch, Chefredakteur des BURG Magazins, spricht sie über Superkräfte, Bernhard und Balkan, und ein schwankendes Schiff namens „Europa“.


Ich habe gelesen, dass du es magst wenn man dich fragt, wie es dir geht. Wie geht es dir?

(lacht) Man sollte anscheinend aufpassen, was man so sagt. Es geht mir gut, danke.

Ich frage auch, weil in deinem Roman Superheldinnen ganz am Anfang der „Urpessimismus“ der Heldinnen beschrieben wird: Sie gehen „fest davon aus, dass nichts jemals gut wird.“ Ist das auch dein Ansatz?

Ja. Ich weiß nicht. Der Satz im Buch ist natürlich eine humoristische Übertreibung einer gewissen Lebenseinstellung. Aber ich bin auch nicht die größte Optimistin, die jemals diese Welt betreten hat. Wenn auch nicht ganz so arg wie die Superheldinnen.

Wenn du dir eine Superkraft aussuchen könntest — welche wäre das?

Darüber habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht. Irgendwas mit … Zeit, wahrscheinlich.

Zeitreisen?

Entweder Zeitreisen. Oder Zeit aufhalten.

Zeit und wie sie buchstäblich vergeht, ist auch ein wichtiges Thema von Thomas Bernhards Prosastück Gehen. Reden wir kurz über das Werk, mit dem du bekannt wurdest, die Bernhard-Pastiche Ausgehen: Es ist nun nicht das Allernaheliegendste Gehen ins Belgrader Nachtleben zu verlegen. Wie kam es damals dazu?

Ich habe damals Germanistik studiert und in einem Belgrader Verlag gearbeitet. Dann war ich ein Semester in Österreich, wo ich auch an Seminaren teilgenommen habe, aber ich konnte noch nicht wirklich Deutsch. Es gab dieses Seminar, in dem Gehen behandelt wurde, und ich mochte Thomas Bernhard. Mein Deutsch war jedoch so schlecht, dass ich das Buch mit nach Hause nahm, ohne jemals eine Note zu bekommen. Als ich dann nach Belgrad zurückging, war gerade die Hochphase der Popliteratur in Deutschland, zum Beispiel erschien auch in Serbien Benjamin von Stuckrad-Barres Buch Remix. Und ich dachte mir: Eigentlich schade, wenn jemand schon ein Buch Remix nennt und dann dieses Verfahren gar nicht anwendet.

Remix war auch eher eine Mogelpackung mit Texten aus der Schublade als ein echter Remix.

Genau. Zum anderen habe ich mich intensiv mit Übersetzungen beschäftigt und wollte schon immer mal eine „falsche“ Übersetzung machen. Also, immer eine im Kontext falsche Wortbedeutung nehmen und trotzdem einen Sinn produzieren. Zum Spaß und zur Übung habe ich angefangen, Thomas Bernhard zu übersetzen, war aber zu faul, jedes Wort nachzuschlagen, und so entstand eine eigene Geschichte, die parallel zu der von Bernhard verlief und seinen Sprachduktus beibehielt: tatsächlich so etwas wie ein Remix.

„Eigentlich schade, wenn jemand schon ein Buch Remix nennt und dann dieses Verfahren gar nicht anwendet.“

Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine serbische oder serbokroatische Übersetzung des Textes?

Nein, erst seit kurzem. Beim „Übersetzen“ dachte ich dann: Ok, jetzt schlage ich mehrere Fliegen mit einer Klappe, und war, ehrlich gesagt, ziemlich begeistert von meiner eigenen Idee. Und es hat so gut funktioniert, nur zum Ende hin wurde es schwierig, es war wie ein mathematisches Problem, weil ich die Satzstruktur beibehalten und nur die Variablen geändert habe.

Wird es weitere Bernhard-Übersehreibungen geben, „,Superheldenplatz“ zum Beispiel?

So könnte man ein Mash-Up nennen! Aber nein, ich glaube, einmal hat gereicht.

Bei der Diskussion mit Mircea Cărtărescu, einer wichtigen Stimme der rumänischen Oppositionsbewegung, wird es leider auch wieder um Europas Misere gehen.

Ich bin nicht schuld. (lacht)

Cărtărescu schreibt: „Wir sind schuld daran, dass Europa heute so aussieht wie Rimbauds trunkenes Schiff.“

Wer ist „wir“?

Ich denke, seiner Meinung nach alle, die weiterhin ignorieren, dass Europa an einem entscheidenden Wendepunkt steht, und sich nicht mit aller Macht fiir seine Ideale einsetzen. Welche „darken“ Superkräfte sind schuld daran, dass Europa superknietief in der Krise steckt?

Da fehlen mir jetzt Kontext und Zeit zum Nachdenken. Ich bin aber prinzipiell nicht so großzügig im Schuldverteilen, gerade bei derart schwierigen Fragen. Ich spüre selbst, dass gerade düstere Zeiten aufziehen und dass zunehmende Unsicherheit das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein bringt, wie immer in Krisenzeiten. Ich finde es nur nicht leicht festzustellen, mit welcher Art von Krise wir es genau zu tun haben.

Könnte es sein, dass Europa wie das Belgrader Nachtleben nur eine „totale kollektive Halluzination“ war?

Man müsste natürlich auch unterscheiden zwischen der EU, dem Kontinent und einer wie auch immer gearteten Idee von Europa. Es ist witzig, ich habe zum Beispiel als Kind noch in der Schule gelernt, dass ich aus Europa komme. Inzwischen ist das nicht mehr so sicher. Weil Europa auch immer mit der Europäischen Union gleichgesetzt wird.

„Ich habe als Kind noch in der Schule gelernt, dass ich aus Europa komme. Inzwischen ist das nicht mehr so sicher.“

Um mit Martin Pollack zu fragen: Werden die Staates des Balkans in Zukunft europäischer werden — oder wird der Rest Europas immer mehr zum Balkan der letzten Zeit, also fragmentierter, nationalistischer, religiöser?

Ja, leider gibt es da tatsächlich erschreckende Parallelen. Verschiedene Arten von Hass und Intoleranz werden wieder salonfähig, was mich auch immer wieder ans Belgrad der 90er denken lässt, wenn auch keineswegs in dem Maße, wie ich es damals erlebt habe. Immer wieder denke ich: Das ist wie damals. Aber zum einen ist meine Erinnerung inzwischen komplett fiktionalisiert. Überdies war die Krise damals ohne Zweifel viel größer. Wir sind wirklich noch nicht auf dem Balkan angekommen, es ist ok.

In Superheldinnen heißt es einmal, Sarajevo sei eine Stadt ..voll von Geistern“. Würdest du das auch über Wien sagen?

Im Kontext des Buches geht es natürlich auch um die Kriege der 90er Jahre. Aber eigentlich kann man das über jede Stadt sagen. Jede Stadt ist voller Geister.


Barbi Marković

geboren 1980 in Belgrad, studierte Germanistik in Belgrad und Wien, lebt seit 2009 in Wien. 2009 sorgte sie für Furore mit dem Thomas Bernhard-Remix-Roman Ausgehen (Irlazenje, 2006). Für ihren Roman Superheldinnen (2016), der auch am Wiener Volkstheater adaptiert wurde, erhielt sie den Alpha Literaturpreis (2016) und den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2017). Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Preis Wettbewerb 2017.

 

Grenzgänger/Grenzdenker

„Schwankend wie Rimbauds trunkenes Schiff“

am Martin Pollack ein Gespräch mit Mircea Cărtărescu und Barbi Marković im Kasino am Schwarzenberg. Es lesen Philipp Hauß und Marie-Luise Stockinger.

Mehr zur Veranstaltung hier.

Die Diskussionsreihe Grenzgänger/Grenzdenker mit AutorInnen aus Zentral-, Ost- und Südosteuropa wird kuratiert und moderiert von Martin Pollack. Sie wurde 2013 als Kooperation des Burgtheaters mit der ERSTE Stiftung und der Tageszeitung Die Presse ins Leben gerufen und untersucht das wachsende Gefühl von Krise und Unsicherheit in Europa.