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Auf unseren Schultern

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Der NGO-Sektor in Osteuropa entwickelt sich. Er muss erst die im Sozialismus verlorenen Jahre aufholen.

Die Freiwilligen im Westen und Osten selbst unterscheiden sich nicht voneinander. Sie sind vielfach gut gebildet, jünger und wohlhabender als der gesellschaftliche Durchschnitt. Dazu kommen biografische Gemeinsamkeiten: Wer früh zu arbeiten beginnt, hat weniger Zeit für Freiwilligenarbeit. Ähnlich geht es Menschen, die in jungen Jahren Eltern werden, sie investieren ihre Zeit in den Nachwuchs. Das passiert in Deutschland ebenso wie in Bulgarien. Doch die Rahmenbedingungen, unter denen sie ihre Stunden ohne Bezahlung anderen widmen, unterscheiden sich deutlich. In den jungen EU-Mitgliedsländern, aber auch in den Ex-jugoslawischen Staaten auf der Balkanhalbinsel kann man die Vergangenheit nicht ignorieren: Wo über Jahrzehnte Community Development mit Argwohn betrachtet, wenn nicht überhaupt bekämpft wurde, wo die Freizeitgestaltung von der Partei vorgegeben war, im Frauenclub, im Fußballverein, in Jugendgruppen, muss sich das Ökosystem der Freiwilligenarbeit erst aufbauen.

Der Transformationsprozess betrifft alle Komponenten der Gesellschaft, nicht nur Politik und Wirtschaft. Hier sind die Veränderungen eminent. Weniger sichtbar, aber nicht minder entscheidend, gestalten sich die Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur und in den sozialen Werten, in jenen Bereichen also, die als Kitt eine Gesellschaft zusammenhalten. Freiwilligenarbeit ist insofern ein neues Konzept für die postkommunistischen Gesellschaften. In Zeiten des Sozialismus wurden solche Werte von oben organisiert oder vorgetäuscht: Dann etwa, wenn der Betrieb zum jährlichen Müllsammeln aufrief oder anderweitig unbezahlte Arbeit für ein höheres Ziel geleistet werden musste. In Ländern wie Rumänien beispielsweise, waren sogar die Sportvereine betrieblich organisiert. Dieses Erbe lässt sich bis heute an der Branchenverteilung der Nichtregierungsorganisationen in der Region erkennen. Der Anteil an Organisationen im Bereich Sport und Kultur ist insbesondere in den Visegrád-Ländern, in Bulgarien, Rumänien und Kroatien mit 40 Prozent im Vergleich zu Westeuropa deutlich erhöht. Jene Bereiche, in denen schon in den Regimen Eigenengagement zumindest geduldet wurde.

Dass die Zivilgesellschaft auch in den jungen EU-Mitgliedsländern und in den Anwärterstaaten aufgeholt hat, zeigt sich an den steigenden Zahlen der Freiwilligenarbeit in der Region. Trotz teils schwieriger Bedingungen stiegen die Zahlen in den letzten 20 Jahren deutlich an. Während 1995 im Schnitt 1,8 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Non-Profit-Organisationen beschäftigt war, sind es heute drei Prozent – im Vergleich zu 1990 also 80 Prozent mehr.

Angespornt wurde die Freiwilligenarbeit nicht zuletzt durch den EU-Beitritt der einzelnen Länder, beziehungsweise ihr Bemühen, der Union in Zukunft anzugehören. Rechte von Minderheiten wie LGBTQ oder die der Roma und Sinti kamen oft in das Verhandlungspaket mit den EU-Beamten und boten fortan Gestaltungsraum. Dass lokale Initiativen Regenbogenparaden in Bukarest und Belgrad abhalten können, ist dem Druck Brüssels geschuldet. Dass die Verantwortlichen in Osteuropa dies mittlerweile zu nutzen wissen, und sich publikumswirksam auf solchen Veranstaltungen zeigen, um sich in einem guten Licht zu präsentieren, gehört auch dazu.

Während 1995 im Schnitt 1,8 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Non-Profit-Organisationen beschäftigt war, sind es heute
3 Prozent.

Das Erwachen des zivilen Geistes zeigt sich auch am politischen Ungehorsam, der so von den regierenden Parteien nicht immer einkalkuliert wird. Zentral- und Osteuropa hat in den vergangenen Jahren ein Erstarken der zivilgesellschaftlichen Prozesse erlebt. Man denke an die Proteste in Bulgarien, die 2013 das ganze Jahr über die politischen Missstände im Land kritisierten und zwei Regierungen zu Fall brachten. Im Herbst 2016 brachten Menschenmassen in schwarz den polnischen Gesetzesentwurf zum Komplettverbot von Abtreibung zu Fall. Man denke an die Massendemonstrationen in Rumänien im Winter 2017, als mehr als eine halbe Million Menschen gegen die Aushebelung der Justiz auf die Straße gingen (die Proteste halten immer noch an), oder an die Slowakei, wo die Zivilgesellschaft heftig auf den Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten reagierte.

Diese großen Demonstrationen schafften es in die Berichterstattung der europäischen Nachrichtendienste. Doch auch auf lokaler Ebene fanden Menschen Ventile für ihren Unmut: Die Spaßpartei „Ungarische Partei des zweischwänzigen Hundes“ (Magyar Kétfarkú Kutya Párt) hat es sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, politische Akteure in Ungarn zu parodieren. Und im serbischen Präsidentschaftswahlkampf trat Luka Maksimović als Satirefigur Ljubiša Preletačević „Beli“ („der Weiße“) an. Seinen Wahlkampf absolvierte er passenderweise auf einem Schimmel reitend.

Dieser Text und die Infografiken sind unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name der Autorin/Rechteinhaberin soll wie folgt genannt werden. Autorin: Eva Konzett / erstestiftung.org, Infografiken und Illustration: Vanja Ivancevic / erstestiftung.org
Titelbild: Freiwillige füllten im Mai 2014 in Belgrad Säcke mit Sand um für weitere mögliche Hochwasser gerüstet zu sein. Foto: © Ivan Milutinovic / EPA / picturedesk.com


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14 Jahre sind vergangen, seit sich die Europäische Union in der ersten Runde Richtung Osten aufgemacht hat. Die anfängliche Euphorie ist erst dem Alltag und nun Ernüchterung auf beiden Seiten gewichen. Man ist sich manchenorts fremd geworden oder fremd geblieben, trotz der sichtbaren und verborgenen, der privaten, offiziellen und geschäftlichen Beziehungen. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten, trotz der Wertschöpfungsketten, die keine Grenzen mehr kennen. Und manchmal genau deswegen.

Kopf und Zahl möchte im Kleinen die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebensrealitäten im jüngeren Teil der EU und der Beitrittskandidaten Südosteuropas beleuchten und sie mit der westeuropäischen Verfassung zumindest in österreichischer Ausformung abgleichen. Sind diese denn wirklich immer meilenweit voneinander entfernt? Wo scheitert der Blick von oben herab?

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