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Auf Streifzug durch die Budapester Kunstszene

Die tschechische Kunstkritikerin Natálie Drtinová über die Widersprüche der zeitgenössischen Kunstszene in der ungarischen Hauptstadt

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„Wer sich an die dunklen Zeiten vor 1989 erinnern und sie mit der Gegenwart vergleichen kann, den stimmt die aktuelle Richtung der Kulturpolitik zu Recht mutlos.“ Die tschechische Kunstkritikerin Natalie Drtinova besuchte Kunsträume und traf Menschen aus der Budapester Kunstszene.

Als ich im Zuge der Planung meiner Residency in Budapest nach einem geeigneten Datum suchte, fragte ich meine Gastgeber von artPortal, ob es irgendwelche Veranstaltungen gäbe, die ich dabei berücksichtigen sollte. Die Antwort, die ich von Gergely, dem Chefredakteur, bekam, war entmutigend: „An Veranstaltungen herrscht derzeit Mangel. Wir leben unter seltsamen Bedingungen und zunehmender Unterdrückung. Die sogenannte unabhängige, autonome Kunstszene hat zu kämpfen. Es wird im November voraussichtlich keine interessanten Events geben. Dinge zu planen, zu organisieren und durchzuführen, ist schwierig, weil die Bedingungen immer schwieriger werden. (…) Aber ganz egal wann du kommst, du wirst etwas vorfinden: die Situation.“ Und so kam es auch. Aufgrund Gergelys Aussage und all den besorgniserregenden Nachrichten, die ich der internationalen Presse entnommen hatte, war ich auf ziemlich beunruhigende Verhältnisse gefasst: keine Veranstaltungen, eine Form von Zensur, etwas in dieser Art.

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Die Paradoxa der Budapester Kunstszene

Die Aufspaltung der Kunstszene in zwei parallele Systeme, wie Gergely sie in seinem kürzlich erschienenen Artikel beschreibt, war nicht so eindeutig, wie ich erwartet hatte. Es stimmt schon, dass manche Institutionen wie die Kunsthalle für die lokale Kunstszene praktisch zu No-Go-Zonen geworden sind. Als ich den Leuten erzählte, dass ich mir angesehen hatte, was die Kunsthalle zu bieten hat – um diese verpönte Einrichtung mit meinen eigenen Augen zu sehen – waren alle ziemlich verblüfft, insbesondere wenn ich berichtete, dass eine umfangreiche Ausstellung über die Lebensreformbewegungen des 19. Jahrhunderts und ihre Reflektion im Bereich der bildenden Kunst gezeigt wurde, die wirklich sehenswert war. Hidden stories basierte auf umfassenden Forschungsarbeiten und wirkte wie die größere Version der erfolgreichen Ausstellung Artists and Prophets, die 2015 in der tschechischen Nationalgalerie zu sehen war. Glücklicherweise war sie nicht von politischen Themen dominiert, weshalb jemand von außen wie ich sich ein angemessenes Bild machen konnte. Dessen ungeachtet ist die Kunsthalle als De-facto-Aushängeschild der MMA [Ungarische Akademie der Künste] mittlerweile eine der meistboykottierten Institutionen und ihr Programm wird von der Kunstwelt weitgehend ignoriert.

Műcsarnok Kunsthalle. Foto: © Follett, Wikimedia Commons

Eine weitere große Institution mit einer bitteren jüngeren Geschichte, die ich mir ansehen wollte, war das Museum Ludwig. Die einst gefeierte Kunstsammlung wurde unlängst zum Schauplatz einer Besetzungsaktion und hat nach der umstrittenen Ernennung einer neuen Direktorin viel von ihrer Glaubwürdigkeit und Relevanz verloren. Auch in diesem Fall hinterließ der Besuch bei mir gemischte Gefühle; ich hatte weder einen extrem positiven noch negativen Eindruck. Die Dauerausstellung – bzw. eine Auswahl aus den Beständen der Sammlung, um genau zu sein – präsentierte zahlreiche großartige Werke, die sich in einen feministischen oder queeren Anti-Establishment-Kontext einordnen ließen; sie wurden jedoch lediglich unter der Kategorie Rituale geführt. „Riten sind gesellschaftlich bedingte Handlungen spirituellen Ursprungs, die als kulturelle Muster in ihrer alltäglichen Form etwas von ihrer religiös-magischen Natur bewahrt haben“, so der Wandtext. Die im Bereich Spirituelles und Magisches ausgestellten Künstler waren natürlich ausnahmslos Frauen. Eine weitere Ausstellung mit dem Titel Related by Sister Languages: Estonian-Hungarian Contemporary Art Exhibition widmete sich dem Thema der nationalen Identität. Während die Auswahl vieler Werke schlüssig schien, gab es überraschenderweise auch eine Videoreihe von Ilona Neméth zu sehen: Statement (2015). In diesen fünf Videos interviewt die Künstlerin fünf Künstlerkollegen zu ihrer nationalen Identität. Sie diskutieren dabei aber auch die aktuelle politische Lage in Ungarn und wie sie mit ihrer Kunst darauf reagieren. Was ich damit sagen will, ist, dass die Dinge nicht schwarz-weiß sind und man in diesen Einrichtungen keine unverblümte Propaganda finden wird. Was man jedoch vorfindet, sind schwankende Qualität und Inkongruenzen.

Ludwig Museum. Foto: © Wikimedia Commons

Verunsicherung und Umgang mit sich verändernden/verschwindenden Strukturen

Während ich eine Ausstellungseröffnung nach der anderen besuchte, drängte sich mir der Gedanke auf, dass es um die Kunstszene nicht annähernd so schlecht bestellt war, wie ich erwartet hatte. Es schien jedoch, als herrschte eine tiefgreifende Verunsicherung, wobei die Mittelkürzungen die größte Bedrohung darstellten. Diese erhitzten durchaus die Gemüter, sobald ich diesen heiklen Punkt zur Sprache brachte. Die einen erzählten, dass sie mit dem Gedanken spielten, für eine Weile ins Ausland zu gehen; andere sprachen offen darüber, wie sie ihren Lebensunterhalt tatsächlich bestreiten; wieder andere schienen nicht sonderlich beunruhigt. Ich begann mich dafür zu interessieren, wie die Kunstszene mit der Situation umgeht und welchen Einfluss diese Kürzungen auf die alternative Szene haben. Eine Möglichkeit besteht darin, eine kommerzielle Richtung einzuschlagen, wie es etwa der ehemalige Direktor des Ludwig Museums Barnabás Bencsik getan hat.

Während einer privaten Führung durch die Ausstellung von Péter Puklus Hero Mother_Subtitle in Barnabás’ Galerie Glassyard erklärte Barnabás: „Mich dem kommerziellen Bereich der Kunstwelt zuzuwenden, schien ein möglicher Weg, um mich über Wasser zu halten und trotzdem in der Kunstindustrie zu bleiben.“ Auch am anderen Ende des Spektrums nichtstaatlicher Formationen gibt es neue Strukturen und Formen von Allianzen, wie etwa die OFF-Biennale. Die basisdemokratische Biennale wird sich dieses Jahr strukturell verändern, da ihr ursprünglich finanzierungsfreies Modell nicht tragfähig war. Neben der OFF-Biennale stieß ich jedoch noch auf andere Plattformen, die ebenfalls ihre Strukturen verändern.

Installationsansicht in der Ausstellung von Péter Puklus Hero Mother_Subtitle. Foto: © Imre Kiss, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Glassyard, Budapest

Weiter ging es zum renommierten Chimera-Projekt. Zu meiner Enttäuschung musste ich jedoch feststellen, dass es nur einige Wochen vor meiner Ankunft eingestellt worden war. „Das Chimera-Projekt durchläuft eine grundlegende Veränderung, was sein Modell und seine Rolle betrifft. Aufgrund ihrer Größe und ihres in die aktuelle Struktur eingebetteten Profils sowie der Entwicklungen der internationalen und lokalen Kunstmärkte und -szenen kann die Chimera-Projekt-Galerie nicht den Ansprüchen und Interessen der Gründer entsprechend nachhaltig geführt werden. Die Gründer haben sich deshalb entschlossen, das Chimera-Projekt nicht länger als Galerie zu führen“, heißt es auf der Webseite. Daraus schloss ich, dass hier ein alternativer Galerieraum infolge der jüngsten Kürzungen schließen musste.

Als ich Patrick Urwyler, einen der Gründer des Chimera-Projekts, traf, ging ich davon aus, dass wir über die jüngsten politischen Entwicklungen sprechen würden, die ihn dazu veranlasst hatten, seine Galerie zu schließen. Er kam jedoch sofort auf die Stellungnahme zu sprechen, die er und Mitbegründerin Boglárka Mittich auf ihrer Webseite veröffentlicht hatten. Bei der Eröffnung der Chimera-Projekt-Galerie 2013, erklärte er, hätten sie versprochen, in fünf Jahren ihre Arbeit zu evaluieren und dann zu entscheiden, ob sie mit diesem Modell weitermachen würden. Ursprünglich sollte das Chimera-Projekt für eine internationale Durchmischung der Budapester Kunstszene sorgen. Als Patrick nach Budapest kam, hatte er das Gefühl, dass sich die lokale Kunstszene nicht ausreichend mit den Kunstszenen anderer Länder austauschte. Deshalb konzentrierten sich Patrick und Boglárka anfangs darauf, mehr Ausstellungen internationaler Künstlerinnen und Künstler ins Land zu holen. Erst später wurde daraus eine kommerzielle Galerie und nach einer kürzlich erfolgten Neubewertung entschlossen sie sich, von diesem Modell abzurücken. Ihre Entscheidung, den Galerieraum zu schließen, hatte also lediglich mit der Neustrukturierung zu tun, die es ihnen erlauben würde, sich auf internationalen Austausch und Kooperationen zu konzentrieren und – was vielleicht noch wichtiger ist – auf das Management des ungarischen Neo-Avantgarde-Künstlers Géza Perneczky und sein Oeuvre.

Géza Perneczky, Identification Program, Ausstellung in der Chimera-Projekt-Galerie. Foto: © Norbet Juhász

„Der Kunstmarkt hier in Budapest ist nicht ausreichend entwickelt, um viele kommerzielle Galerien erhalten und führen zu können – es gibt nach wie vor nicht genug Käufer. Natürlich funktioniert es für manche, aber nicht für alle. Eine andere Möglichkeit, den Cashflow zu steigern, besteht darin, auf staatliche Fördermittel zurückzugreifen.“ Die Regierung habe, so erklärte Patrick, begonnen, kommerzielle Galerien finanziell zu unterstützen, damit diese an internationalen Kunstmessen teilnehmen und ungarische Kunst präsentieren können – bis zu 75 Prozent der Kosten für einen Stand würden übernommen. „Das war keine Option für uns. Wir wussten von Anfang an, dass wir kein Geld von dieser Regierung annehmen würden, auch wenn es wirtschaftlich gesehen eine kluge Entscheidung sein mag.“

Patrick zufolge unterscheiden sich die Bedingungen in Budapest letztendlich nicht so stark von jenen der Kunstschaffenden in anderen Ländern. Kurzum hatte ihre Entscheidung, sich von dem Modell einer kommerziellen Galerie zu verabschieden, sehr wenig mit Politik und den jüngsten Änderungen in der Kunstförderung zu tun. Er musste jedoch eingestehen, dass viele Projekte und Kunstschaffende finanzielle Schwierigkeiten haben. Dies sei gewiss kein rein ungarisches Problem, sondern habe mit der prekären Lage der Kunstwelt insgesamt zu tun, betonte er abermals. „Es stimmt schon, dass viele Galerien in jüngster Zeit geschlossen haben, es entstehen aber auch immer wieder neue.“ Auch wenn Patrick über die harte Realität der Kunstwelt sprach, schien er ziemlich optimistisch und sehr daran interessiert zu sein, sein Projekt auf neue Art weiterzuführen.

Der zweite Raum, auf den ich mich konzentrieren wollte, war FERi, eine feministische Galerie, die sich der Zurschaustellung kritischer Positionen zur Gesellschaft und ihren Normen verschrieben hat. Geführt wird sie von Kata Oltai, einer Kunsthistorikerin und unabhängigen Kuratorin. Im dritten Jahr spielte Kata mit dem Gedanken, ihr Galerieprojekt zu schließen. Sie ist auch Inhaberin einer gleich um die Ecke von FERi gelegenen Vintage-Boutique. Kata eröffnete zuerst die Boutique und beschloss erst sechs Monate später, einen Kunstraum einzurichten. Dies gab ihr genug Zeit, um einen soliden Geschäftsplan für ihre Galerie zu erstellen, die zu 100 Prozent aus den Einnahmen der Boutique finanziert wird. Was die Boutique Konfekció und FERi verbindet, ist die punkige, grellpinke, schrille Ästhetik eines Dritte-Welle-Feminismus. Kata, die als Kuratorin für das Ludwig Museum tätig war, gab ihre Stelle auf, um sich auf Nischenthemen zu konzentrieren, wozu sie als Vollzeitmitarbeiterin einer etablierten Institution nicht ausreichend Gelegenheit hatte. Ihre Vorstellung von Feminismus ist sehr breit gefasst und intersektional: „Man kann sich nicht mit Feminismus beschäftigen, ohne über Themen wie Ökologie nachzudenken.“ Für Kata hängt feministisches Denken mit anderen Minderheitenanliegen, kritischen Fragen und Politik zusammen. Sie erachtet diese Themen als zu wichtig, als dass man sie ignorieren könnte. Gleichzeitig war es ihr ein Anliegen, eine Alternative zu den traditionalistischen kommerziellen Galerien und dem Kanon, den sie prägen, zu bieten.

Als ich sie fragte, warum sie in Erwägung zog, FERi zu schließen, stellte sich heraus, dass es abermals wenig mit den jüngsten finanziellen Kürzungen im Kulturbereich zu tun hatte. Der Hauptgrund war, dass sie nicht das Gefühl hatte, es gäbe viele kritische Stimmen in der jungen ungarischen Generation. Nachdem sich Kata jahrelang darum bemüht hatte, kritische Diskussionen anzustoßen, schien sie etwas genervt, irritiert und zugleich auch resigniert. „In anderen osteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien oder Slowenien findet man weitaus ausgeprägtere kritische Positionen als in Ungarn“, erklärte sie, räumte aber ein, dass sich in den vergangenen zehn Jahren vieles zum Besseren verändert habe. „Vor zehn oder fünfzehn Jahren wusste niemand wirklich, was Gender bedeutet und kaum ein Künstler, dessen Arbeiten sich durch ein feministisches Prisma lesen lassen, wollte auch nur irgendetwas mit Feminismus zu tun haben. In dieser Hinsicht ändern sich die Dinge langsam.“

Absence von Horváth Krisztina-Mészáros Zsolt. Foto: © Facebook/Feri, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Feri, Budapest

Tägliche Gespräche mit Gyula

Die Person, mit der ich über diese Themen am meisten sprach, war der junge Kurator und Theoretiker Gyula Muskovics, der mich durch Budapest führte. Gyulas Ansichten über die aktuelle Lage waren aufmunternder als das, was ich überall sonst zu hören bekam. Immer wenn wir uns trafen und über Themen sprachen, die mit Kunst zu tun hatten, dachte ich, es müsste doch aus jeder vertrackten Lage einen Ausweg geben, während Gyula allem auch etwas Positives abgewann, einen Weg, widrige Umstände zu umgehen.

Als Gyula 2013 sein Masterstudium abschloss, hatte sich die politische Situation in Ungarn bereits verschlechtert. Während seines Praktikums am Ludwig Museum schloss er sich sofort der Besetzung des Hauses 2013 an. Widerstand stand bald auf seiner Tagesordnung, wie für die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen. Tranzit.hu, eine unabhängige und hochpolitische Institution, wurde eine der zentralen Drehscheiben dieses Widerstands. Für diese Einrichtung begann Gyula auch nach seinem Studium zu arbeiten. „Damals herrschte eine revolutionäre Stimmung – Museumsdirektoren, Studierende und ihre Professoren kamen zusammen, um zu diskutieren und sich zu organisieren. In gewisser Weise war es eine schöne Zeit, aber diese Stimmung ist inzwischen verflogen. Viele Menschen haben seither das Land verlassen – die Hälfte meiner engsten Freunde lebt heute im Ausland und kommt nur hin und wieder nach Hause.“ Da es für Menschen wie Gyula immer weniger offene Stellen im Kulturbereich gibt, müssen viele auf der Suche nach einem Job ins Ausland gehen. Gleichzeitig arbeiten viele Menschen in Budapest an internationalen Projekten und werden mit ausländischen Mitteln gefördert. „Als Künstler ist es 2019 ohnehin essenziell, international tätig sein, viele tun das also wahrscheinlich nicht einmal, weil sie dazu gezwungen sind.“

Neben Performancekunst, Avantgarde-Mode und zeitgenössischem Tanz beschäftigt sich Gyula in seinen Projekten häufig auch mit queeren Befindlichkeiten. Ich wollte wissen, ob er genug Freiraum hat, sich mit diesen Themen zu beschäftigen: „Queere Themen spielen im modernen Kunstdiskurs in Ungarn nur eine marginale Rolle. Die Kunstgeschichte behandelt nach wie vor in erster Linie die ernste, trockene Geschichte männlicher Künstler. Da das Thema Gender selbst innerhalb der Kunstszene eine so unbedeutende Rolle hat, kann man sich damit nur in den alternativsten und progressivsten Räumen auseinandersetzen. Daher sind die Plattformen, auf denen ich queere Projekte zeigen möchte, nicht nur gegenüber der ungarischen Politik kritisch, sondern auch gegenüber der Kunstszene selbst. Im Augenblick weiß ich also, dass ich nicht vor dem Problem stehe, queere Kunst im Museum der Bildenden Künste auszustellen, weil es einfach nicht dazu kommt.“ Ebenso wie Kata ist ihm sehr wohl klar, dass er sich auf Räume beschränken muss, die eher im Untergrund angesiedelt sind, wenn er sich mit kritischen und möglicherweise Nischenthemen beschäftigen will. Ist das ein Grund, um sich über seine Zukunftsperspektiven Sorgen zu machen? „Ein wesentliches Merkmal dieser Institutionen ist ihre normative und hierarchische Struktur, weshalb mich der Gedanke, dort zu arbeiten, ohnehin nicht sehr reizt. Anstatt für jemanden zu arbeiten oder jemanden für mein Projekt arbeiten zu lassen, bevorzuge ich Kooperationen und die Arbeit mit Menschen auf Augenhöhe.“ Es mag daher überraschen, dass Gyula sich über seine Zukunft nach seiner Promotion keine allzu großen Sorgen zu machen scheint. „Ich werde weiterhin freiberuflich tätig sein. Jetzt, da ich an meiner Doktorarbeit schreibe, habe ich eine gewisse Freiheit, das zu tun und gleichzeitig ein festes Einkommen zu beziehen. Ich möchte diese Zeit gerne nützen, um etwas aufzubauen, das es mir hoffentlich erlauben wird, unabhängig zu bleiben.“ Gyula, der sich nicht erinnern kann, je unter sichereren Verhältnissen tätig gewesen zu sein, schien nicht allzu besorgt. Er sprach stets über neue Projekte, Kooperationen und Ideen.

DIY Magic von Réka Lőrincz in der Galerie FERi (Aron Weber), Foto: © mit freundlicher Genehmigung der Galerie Feri, Budapest

Aufruf zu internationalen Kooperationen

Ebenso wie Kunstschaffende müssen Galeristinnen und Galeristen sowie Kuratorinnen und Kuratoren in Budapest ihre Projekte häufig mit Eigenmitteln finanzieren. Sofern man kein Fidesz-Anhänger ist, muss man sich selbst um die Finanzierung kümmern oder einen Brotberuf (oder eine Doktorandenstelle) haben, um sein kreatives Schaffen finanzieren zu können, woraus mehr oder weniger eine Leidenschaft werden kann. Mehrere Personen, mit denen ich sprach, unterstrichen die Notwendigkeit, internationale Netzwerke zu bilden und zu festigen. Wenn sich die moderne Kunstszene in Ungarn immer mehr von der breiten Öffentlichkeit entfernt, bleibt als einzige Möglichkeit wirklich nur das Ausland – in Form von internationalen Kooperationen oder der Suche nach Mitteln ausländischer Institutionen und Organisationen. Diese Form des internationalen Austausches bringt neue Hoffnung für die Situation in Budapest. Was mir während meiner Residency jedoch auffiel, war der ausgeprägte Generationsunterschied, was Hoffnungen und Perspektiven betrifft. Wer sich an die dunklen Zeiten vor 1989 erinnern und sie mit der Gegenwart vergleichen kann, den stimmt die aktuelle Richtung der Kulturpolitik zu Recht mutlos. Diese Menschen erinnern sich aber auch an die 1990er-Jahre, als die Welt für eine Weile in Ordnung schien. Jene, die danach aufwuchsen und ihre Ausbildung beendeten – darf ich sie Millennials nennen? – haben noch nichts verloren. Und da sie nichts haben, worauf sie zurückblicken können, kommen sie nicht umhin, die neuen Lebensweisen und -gestaltungen zu bemerken, die gerade am Entstehen sind.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des East Art Mags Programms mit Unterstützung der Erste Stiftung. Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 18. Februar 2019 auf Artportal.hu. Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Natalie Drtinova / artPortal. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Titelbild: Gyula Muskovics, Tamás Páll und Viktor Szeri, Performance Phoenix anlässlich der Eröffnung der Ausstellung WE WILL NOT CHANGE OUR SHOW im Haus der Kunst in Brünn. Foto: © M. Dvořáková. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.