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Interview

„Auf den November 1989 waren wir nicht vorbereitet.“

Juraj Hipš im Gespräch mit Martin M. Šimečka

27. Juni 2019
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„Wir waren nicht darauf vorbereitet, Verantwortung zu übernehmen und in die Politik zu gehen“, sagt Martin M. Šimečka, einer der Hauptprotagonisten der Revolutionsbewegung und erzählt, warum nach der Revolution Mečiar (ehemaliger autokratisch regierender slowakischer Premierminister, der gemeinsam mit Václav Klaus die friedliche Auflösung der Tschechoslowakei verhandelte) an die Macht kam. Warum hören die Menschen heutzutage nicht auf die Eliten? Muss es erst zu einem Kollaps kommen, bis wir verstanden haben, dass die einfachen Wahrheiten der Populisten nicht funktionieren?

Sie waren von den Anfängen an bei der Samtenen Revolution dabei, doch heute wird immer deutlicher, dass viele Menschen nostalgisch auf eine Zeit vor der Wende zurückblicken. Was hat Ihrer Meinung nach versagt?

Umfragen zeigen, dass die Menschen zwar nostalgisch an den Kommunismus zurückdenken, aber sie hätten ihn nicht gerne wieder. Da sollte man also unterscheiden. Es ist eine von Optimismus geprägte Erinnerungshaltung. Man war jung, verliebt, man bekam eine neue Wohnung und danach Kinder und hatte das Gefühl, dass im eigenen Leben etwas weiterging. Das kann ich auch absolut verstehen. Man muss sagen, dass es der Slowakei im Kommunismus tatsächlich sehr gut ging und das Land reicher wurde. Trotz des Regimes entwickelte sich die Gesellschaft weiter. Das ist der Unterschied zu Tschechien oder Polen, also Ländern, in denen die Gesellschaften bereits vor dem Kommunismus entwickelt waren. Bei uns haben die Menschen darum den Eindruck, dass sie vom Kommunismus profitiert haben. Daher würde ich es nicht so tragisch sehen, wenn Menschen auch nostalgische Gefühle gegenüber dieser Zeit hegen. Etwas anderes ist natürlich, dass viele Menschen nicht mehr an die Demokratie glauben, und das deutet schon gewissermaßen darauf hin, dass etwas versagt hat. Dies betrifft jedoch nicht nur die Slowakei. Schau auch in den Westen und sieh dir an, wie es dort aussieht.

Martin M. Šimečka

Šimečka wuchs in der Familie eines Philosophen und bedeutenden Dissidenten während des kommunistischen Regimes auf.

Das Studium wurde ihm verwehrt, weshalb er eine Lehre beim Unternehmen Slovnaft absolvierte. Bis zum Jahr 1989 übte er zahlreiche einfache Berufe aus: Er arbeitete unter anderem als Pfleger, Verkäufer, Bademeister und Heizer.

Nach der Revolution gründete er den Verlag Archa, später leitete er drei Jahre lang die Wochenzeitschrift Domino fórum. Ab 1999 arbeitete er als Chefredakteur der Zeitung SME, bis er im Jahr 2006 seine Funktion zurücklegte. Zwei Jahre lang war er Chefredakteur der Wochenzeitschrift Respekt, wo er bis 2016 auch als Herausgeber fungierte.

Zurzeit schreibt er Kommentare und wirkt als Herausgeber bei der Zeitung Dennik N. Darüber hinaus arbeitet er als Lektor am Sokrates-Institut.

Foto: © Česká televize

Warum nimmt das Misstrauen gegenüber der Demokratie diese Ausmaße an? Als würde hier nach mehr als 20 Jahren eine tiefe Enttäuschung entstehen und das nicht nur bei Menschen, die den Kommunismus miterlebten, sondern auch bei den Jungen, die immer mehr mit extremistischen Bewegungen liebäugeln.

Einerseits ist das ein gesamtmitteleuropäisches Problem, wobei es in Polen und in Ungarn noch dramatischer ist. Dort haben die Menschen bei Wahlen für Politiker gestimmt, die gegen jene grundlegenden demokratischen Prinzipien verstoßen, auf die wir uns im Jahr 1989 verständigt hatten. Die Wähler dieser Politiker treibt die Enttäuschung an und größtenteils ist die Korruption dafür verantwortlich, die leider für Zentraleuropa typisch ist. Ein tieferes Problem, das ich dahinter sehe, ist, dass nach der Wende im Jahr 1989 die bipolare Welt – zusammengesetzt aus Kommunismus und Demokratie – aufgehört hat zu existieren. Schon Margaret Thatcher sagte: „There is no alternative.” Es gibt keine Alternative zur liberalen Demokratie. Das System, das wir haben, ist definitiv. Wenn du den Menschen jedoch sagst, sie hätten keine Wahl, und die Welt, in der sie leben, macht sie unzufrieden – darunter die Korruption und ein nicht funktionierender Staat –, dann fangen sie an, sich aufzulehnen und sie sagen sich langsam, dass es eine Alternative geben muss. Und das nutzen Politiker wie Kotleba (slowakischer rechtsextremer Politiker und Parteichef der ĽSNS) und Gleichgesinnte aus, deren Alternative eine illiberale Demokratie ist und eine Demokratie der nationalen Mehrheit, die auf dem Nationalismus, dem Hass und negativen Emotionen fußt. Das Hauptproblem ist somit, dass die liberale Demokratie die Menschen nicht davon überzeugen konnte, dass sie in ihrem Wesen eine Menge an Alternativen bietet. Doch die Menschen sehen sie als geschlossenes Modell, mit dem sie nicht einverstanden sind. Das ist das tiefere Motiv für all diese Entwicklungen.

Als wir vor einem Jahr gemeinsam mit den Studenten vom Sokrates-Institut (Bildungszentrum in der Slowakei) eine Diskussion führten, haben Sie offen zugegeben, dass auch Sie als Teil der Intellektuellen im Jahr 1989 versagt haben, weil sie nicht bereit waren, die Macht zu übernehmen. Somit wäre der Machtübernahme Mečiars der Weg geebnet worden. Warum hatten Sie damals diese Einstellung?

Das ist wieder einmal ein slowakisches Spezifikum. Wir waren darauf nicht vorbereitet, weil es in der Slowakei unter dem kommunistischen Regime im Prinzip in der breiten Gesellschaft keinen Dissens gab. Es fehlte an Menschen, die es mit ihrem Widerstand gegenüber dem Regime geschafft hätten zu zeigen, dass sie charakterstark und mutig sind und eine ausgeprägte Meinung haben. Dies entstand erst knapp vor den Ereignissen im November. Man könnte also sagen, dass der November zu früh kam. Wir waren auf ihn überhaupt nicht vorbereitet. Wir haben nicht verstanden, dass es nicht nur in unserer Verantwortung liegt, eine Revolution zu organisieren, sondern dass auch die Schaffung eines demokratischen Regimes vorangetrieben werden muss. Die Reaktion der Mehrheit war, wir hätten für die Revolution gesorgt, weil wir frei sein wollten. Jetzt hatten wir die Freiheit und für alles andere sollte jemand anderer sorgen.

Was habt ihr euch erwartet?

Es herrschte der naive Glaube daran, dass sich die geeigneteren Menschen für politische Aufgaben schon melden und sich dank natürlicher Selektionsprozesse behaupten würden. Bald war jedoch klar, dass die natürliche Selektion in der Slowakei andersrum funktioniert.

„Wir waren nicht im Stande, im Vorhinein zu überdenken, was Verantwortung gegenüber einer Gesellschaft bedeutet.“

Wir waren nicht im Stande, im Vorhinein zu überdenken, was Verantwortung gegenüber einer Gesellschaft bedeutet. Das war unser großer Fehler und aus diesem Grund besetzten wir Regierungsämter mit unterschiedlichen ehemaligen Kommunisten mit der Überzeugung, dass wir sie schon kontrollieren würden. Diese politische Naivität ist nur deswegen verzeihlich, weil wir auf politisches Denken überhaupt nicht vorbereitet waren. Das zweite große Problem ist, dass wir selbst bei unseren ursprünglichen Überzeugungen nachgegeben und das Vorantreiben des Wandels in der Gesellschaft Ökonomen überlassen haben. Dabei haben wir es verpasst, die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft aufzubauen und das auch im Sinne eines Rechtssystems, das die damaligen Gelegenheiten für Raubzüge bei Privatisierungen eingeschränkt hätte. Wir glaubten damals den liberalen Ökonomen, die behaupteten, dass der freie Markt damit aufräumen würde und durch natürliche Selektionsprozesse die Besten gewählt würden. Doch es zeigte sich, dass das bei uns andersrum funktionierte. Das war unser weiteres Versagen und ein Grund dafür war auch Naivität.

Habt ihr tatsächlich geglaubt, dass ihr Mečiar an die Spitze der Regierung setzt und ihm dann vorschreiben könnt, was er zu tun hat?

Ja, das haben wir gedacht. Auch er behauptete am Anfang: „Leute, ich tue, was ihr mir sagt.“ Und wir glaubten ihm. Ich glaubte es zwar nicht ganz und ich habe auch nie dafür gestimmt, dass er Regierungschef wird. Viele andere stimmten jedoch für ihn und als er schließlich Premier wurde, war bereits klar, dass alles anders ist. Aus seiner Sicht hatte er jedoch recht. Er sagte uns: „Ihr werdet mir hier doch nichts vorschreiben, wärt ihr doch selbst in die Politik gegangen.“ Es war Naivität, die heute fast komisch wirkt. Aber damals glaubten wir ganz fest an die Demokratie als ein sich selbst lenkendes System, in dem es nur die Besten an die Spitze schaffen und das im Interesse der Gesellschaft, die sie wählt.

„Wir glaubten, es funktioniert im Westen, also muss es auch bei uns funktionieren.“

Wir glaubten, es funktioniert im Westen, also muss es auch bei uns funktionieren. Wir wussten damals noch nicht, dass unsere Gesellschaft auf ganz anderen Prinzipien fußte. Heute wissen wir alle, wenn die Demokratie nicht jeden Tag gegenüber dem Bösen verteidigt wird, dann geht sie unter.

Hätten Sie das Wissen von heute damals im November gehabt, wären Sie bereit gewesen, in die Politik zu gehen?

Ja, und das mit dem wahrscheinlichen Risiko, bei Wahlen zu verlieren. Ich wäre sicher mit einem Gefühl der Verantwortung und mit Pflichtbewusstsein in die Politik gegangen. Ich habe jedoch erst später erkannt, dass es in unserer Verantwortung lag, in die Politik zu gehen.

Oft entgegnen mir Menschen, mit denen ich über einen Gang in die Politik spreche, sie würden sich für eine politische Karriere nicht eignen. Das behaupten Sie auch von sich selbst.

Für mich liegt der Sinn meiner Existenz in der Möglichkeit des Entdeckens neuer Inhalte. Das ist meine größte Leidenschaft. Und in der Politik geht es nicht um das Entdecken des Neuen, sondern um das Überzeugen der anderen von bereits bekannten Inhalten. Man muss unermüdlich und ständig das Gleiche wiederholen, und das macht mir überhaupt keinen Spaß. Es ist Knochenarbeit und lästig. Dafür braucht man Leidenschaft und Ehrgeiz und an beidem fehlt es mir. Und im besten Fall geht man in die Politik, weil man etwas verändern möchte. Auch diese Eigenschaft fehlt mir. Darüber hinaus braucht man in der Politik ein sehr gutes Gedächtnis und hervorragende soziale Fähigkeiten, um sich ständig alle Gesichter und Namen von Menschen, die man trifft, zu merken. Auf jeden Fall braucht man auch strategisches Denkvermögen, um immer den ersten richtigen Schachzug machen zu können. Das sind alles Attribute, die mir fehlen [lacht]. Ich habe ein sehr schlechtes Personengedächtnis, die Welt nehme ich anders wahr als andere und taktisches Denken war nie meine Stärke. Ich würde in der Politik sehr schnell untergehen. Und da ich mir dessen bewusst bin, wäre es für mich sinnlos, das politische Parkett zu betreten. Es würde mich niemand wählen [lacht].

Warum gab es in der Slowakei eigentlich keine mehrheitliche Dissenskultur? Warum gab es hier so wenige Menschen, die dem Regime gegenüber offen kritisch waren und keine Angst hatten, ihre Kritik auch laut auszusprechen?

Das hat historische Gründe. Einen Grund habe ich bereits genannt, als ich sagte, dass die Menschen mit dem kommunistischen Regime einen höheren Lebensstandard verbanden. In Tschechien herrschte das gegenteilige Gefühl, ein Gefühl des Abstiegs, denn das Land – einst zu den zehn am meisten entwickelten Staaten gehörend – rutschte in der Rangliste nach unten. Ein weiterer Grund ist, dass Slowaken noch immer eine Stammesmentalität haben. Nach der Wende verloren in Tschechien zehntausende Menschen ihren Job, darunter Akademiker, Wissenschaftler und Journalisten. In der Slowakei waren es viel weniger Menschen, weil die Slowaken ihre nationale Elite nicht vollkommen zu liquidieren beabsichtigten. Dahinter lag eine gute Absicht. Auch die Kommunisten hatten das Gefühl, sie könnten es sich nicht erlauben, 80 Prozent ihrer Elite zu vernichten. Darüber hinaus kam jeder aus irgendeinem Dorf, in dem er Freunde hatte. Man half sich gegenseitig. Außerdem mochten die Slowaken Prag nicht besonders. Als ihnen dann aus Prag Quoten vorgeschrieben wurden, also die Anzahl von Menschen, die aus der Partei und aus ihren Positionen geworfen werden sollten, gingen die Slowaken nur widerwillig dieser Aufforderung nach.

Die Auswirkungen waren paradoxerweise negativ. Die gesamte Gesellschaft fand sich mit Kompromissen und der Unmoral des Systems ab, sie passte sich an und es bildete sich keine starke Gemeinschaft des Widerstands, wie in Tschechien. Die Folge dessen war auch der Amtsantritt Mečiars. Wir haben nicht gelernt, gegen den Druck von oben Widerstand zu leisten und unsere nationale Mentalität nahm Schaden daran. Kompromisse eingehen, sich anpassen und Zustimmung zu offensichtlicher Unmoral und Lüge wurden Teil des nationalen Charakters.

War es nicht womöglich ein Fehler, dass die Samtene Revolution Kommunisten und Mitgliedern der Staatssicherheit gegenüber sehr tolerant war und man viele von ihnen auch nach dem Fall des Regimes in bedeutenden Ämtern weiterwirken ließ?

Die Slowakei ging da im Vergleich zu Polen und Ungarn am weitesten. Bei uns gab es ein illustratives Gesetz, das es Agenten der Staatssicherheit verbot, hohe Ämter in der staatlichen Verwaltung und der Regierung inne zu haben. Das war ein sehr großer Schritt. In der Slowakei gab es jedoch eine halbe Million Kommunisten und ihre Familien. Ein Drittel der Bevölkerung hatte somit einen Kommunisten in der Familie. Ein ganzes Drittel aus der Gesellschaft auszuschließen ist daher unmöglich und wäre auch nicht richtig gewesen. Wir hätten uns auf diese Weise eine große Gruppe an Feinden geschaffen. Darüber hinaus wurden viele dieser Menschen nur aus Karrieregründen Kommunisten. Sie hatten sich ziemlich gut behauptet und waren professionell. Wir hätten damit den Aufbau der Gesellschaft geschwächt.

„Auf den November und die Demokratie waren wir nicht vorbereitet.“

Das war natürlich ein großes moralisches Problem. Wir mussten uns eingestehen, dass wir mit Kommunisten weiterleben und ihnen eine zweite Chance geben mussten. Aber meiner Meinung nach hatten wir auch keine andere Wahl. Etwas anderes ist natürlich die Tatsache, dass wir mehr Druck hätten machen können, um die Bewältigung der kommunistischen Verbrechen voranzutreiben. Unmoral lässt sich nur schwer rückwirkend verfolgen, aber bei Verbrechen ist das möglich. Dies ist uns allerdings nicht gelungen. Als sich zum Beispiel West- und Ostdeutschland vereinten, durften ostdeutsche Richter nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen und ihre Posten wurden mit Personen aus dem demokratischen Deutschland besetzt. Wir hatten in der Slowakei jedoch keine zweite demokratische Slowakei, die uns zur Verfügung gestanden wäre, um Posten in der Justiz zu besetzen. Da hatte man es also mit ganz praktischen Problemen zu tun, da war nichts zu machen.

Wir sprechen viel darüber, dass die Elite versagt hat und nach der Revolution die Verantwortung dafür trug, die Macht zu übernehmen. Wer sind Ihrer Meinung nach die Eliten?

Das ist ein terminologisches Problem. Der Begriff der Elite wird vereinfacht benutzt. Der Widerspruch liegt darin, dass heute alles Negative, wie zum Beispiel auch die Wahl von Donald Trump, Widerstand gegen die Eliten darstellt. Man nennt es auch Establishment. Das heißt, wir sprechen von Journalisten, Intellektuellen, der Regierung und vielen anderen. Ich sehe in der Elite eine Gemeinschaft gebildeter Menschen aus unterschiedlichen Berufskreisen, darunter Wissenschaftler, Journalisten und Künstler. Diese Gemeinschaft besteht im Prinzip aus Zehntausenden von Menschen. Dazu sollten auch Lehrer gehören. Sie sollten die Träger des Begriffs der Elite sein. Doch diesbezüglich habe ich in der Slowakei so meine Zweifel. Im weiten Sinne sind Eliten Träger von Veränderungen und sie beeinflussen die Gesellschaft. Früher war das der Pfarrer, der Lehrer und der Arzt. Heutzutage ist es viel weitgefasster. Für mich sind es vor allem die liberalen Eliten, also Menschen, die sich mittels ihrer Sehnsucht nach Freiheit definieren, die die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte anerkennen und einen humanistischen Zugang zum Leben haben. Es gibt nämlich auch andere Eliten. Theoretisch gesehen ist der Politiker Kotleba auch Teil der Elite. Es ist natürlich furchtbar, aber er ist Abgeordneter im Parlament. Für mich zählt er jedoch nicht zur Elite.

Wenn man heute den Begriff „Elite“ oder „Intellektueller“ verwendet, löst es bei den meisten Menschen in der Gesellschaft etwas Negatives aus. Der „Intellektuelle“ wird eher als Beleidigung aufgefasst, er wird als Belastung für die Gesellschaft gesehen. Warum ist das so?

Ein Grund dafür ist vielleicht, dass Eliten sichtbar sind. Sie treten in den Medien auf und im Westen werden sie als Menschen gesehen, die die öffentliche Meinung beeinflussen und diese untereinander in Diskussionen prägen. Den alltäglichen Bürger interessiert das nicht. Der arbeitet den ganzen Tag und sieht sich am Abend die Nachrichten oder irgendeine Fernsehdiskussion an. Aber im Grunde gehört es nicht zu seiner beruflichen Erfüllung, über die Gesellschaft und die Welt nachzudenken, weil er dafür keine Zeit hat. Das war lange in der Vergangenheit so eingerichtet, aber die Situation hat sich geändert. Die Menschen wurden unzufrieden angesichts der Situation in der Welt, mit der Gesellschaft und dem Staat, und machten dafür natürlich die Elite verantwortlich. Die Elite sollte ihrer Meinung nach dafür verantwortlich sein, dass alle diese Dinge funktionieren.

Sicherlich spielen auch die sozialen Netzwerke eine Rolle darin.

Ja, das Phänomen der sozialen Netzwerke hat die öffentliche Meinungsäußerung demokratisiert. Heutzutage ist man bei Facebook mit jedem beliebigen Menschen gleichgestellt, unabhängig davon, ob man Intellektueller ist oder nicht. Man veröffentlicht seinen Status und ist an der öffentlichen Debatte beteiligt. Den Menschen hat es sofort sehr imponiert, dass jede Meinung den gleichen Wert hat. Sie erkannten, dass man mit etwas mehr Aktivität und Fleiß sogar Zehntausende Fans haben kann. Sie sind sich immer mehr dessen bewusst geworden, dass nicht nur die Elite, sondern auch sie selbst zur Stimme der Öffentlichkeit werden können. Dass ihre Stimme meistens stupide und hasserfüllt ist, die Suche nach der Wahrheit ablehnt und Lügen verbreitet, das ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Leute an Selbstbewusstsein gewonnen haben, der Elite gegenüberstehen und sie jetzt bekämpfen, indem sie ihr sagen: „Schert euch alle zum Teufel, jetzt haben wir das Sagen. Jahrhundertelang mussten wir schweigen, ihr und die Medien habt uns mundtot gemacht. Wir durften nicht zu Wort kommen und jetzt sprechen wir!“ Einerseits ist das komisch, aber andererseits ist es auch gefährlich, denn genau auf diese Art wurde Donald Trump gewählt.

Im Jahr 1989 gab es hier ein ähnliches Phänomen. Die ersten Demonstrationen nahmen ihren Anfang und während im Kommunismus alle schwiegen, tauchten nun plötzlich wie aus dem Nichts Hunderte Menschen auf und stürmten auf die Tribüne. Das waren schlicht Verrückte mit großen Augen, die Kommunisten hängen wollten und Ähnliches. Unsere große Aufgabe war es, ihnen den Zutritt zur Tribüne zu verwehren, weil sie die Massen dazu verlockt hätten, Schaufenster demolieren zu gehen. Die Polizei wäre gekommen und das Massaker hätte begonnen. Damals hatten wir vor diesen Menschen Angst und sie waren auch sehr zahlreich vorhanden. Heute beobachte ich Ähnliches auf Facebook. Es sind genau die gleichen Typen wie damals. Nur heute werden sie gehört, weil Facebook allen eine Bühne bietet. Das, wovor ich mich während der Revolution fürchtete und was wir verhindern konnten, spielt sich heute in der gesamten Gesellschaft ab und das nicht nur in der Slowakei.

Ist es aber nicht ein Problem der Elite, dass sie es nicht geschafft hat, die Gesellschaft anzusprechen und mit ihr zu kommunizieren?

Ich glaube, dass die Elite nie volksnah war. Das geht aus ihrem Wesen hervor. Ich verbringe zum Beispiel auch sehr viel Zeit damit, über die Welt nachzudenken und das ist eine Knochenarbeit. Ganz ehrlich, ich lese viel, denke nach, manchmal schreibe ich etwas und ich brauche dafür viel Zeit, weil ich jedes einzelne Wort, das ich nutze, abwäge. Das ist eine ganz andere Art der Kommunikation, als wenn ich unter Menschen in Kneipen gehen und mit diesen Menschen reden würde. Sorry, aber dafür habe ich keine Zeit. Natürlich wäre es gut, wenn die Eliten die Komplexität der Welt in einfacheren Worten erklären könnten, aber genau das geht eben nicht. Die Welt ist tatsächlich sehr komplex [lacht].

Und dann nehmen sich jene dieser Aufgabe an, die die Welt vereinfacht sehen. Aber die Welt wird nie so vereinfacht funktionieren. Die Menschen glauben diesen Aussagen jedoch, weil sie den Eindruck haben, dass sie die Inhalte verstehen. Die Eliten haben sie nie verstanden und daher haben sie vor ihnen keinen Respekt mehr und sagen, sie hätten versagt. Doch wenn es etwas gibt, das die Welt ausmacht, dann ist es die Tatsache, dass sie unerklärlich ist. Und in zwei Sätzen kann man sie schon gar nicht beschreiben. Heute versteht die Welt kaum jemand mehr. Das kann man auch bei Trump beobachten. Er dachte, dass sich alles schon richten ließe. Jetzt macht er einen Blödsinn nach dem anderen und die ganze Welt sieht ihm dabei mit Schrecken zu. Er war davon überzeugt, dass er dieses und jenes machen, verbieten bzw. erlauben würde und dann würde schon alles funktionieren. Die Realität zeigt jedoch, dass die Dinge sehr komplex sind und jeder unserer Schritte unabsehbare Folgen haben kann.

Die Welt ist komplex und schwer zu verdeutlichen, doch auf der anderen Seite möchte die Mehrheit der Menschen, dass ihnen jemand diese Welt erklärt. Sie sagen aber, das sei unmöglich. Dann kommen Personen wie Trump oder Kotleba daher, die vorgeben, die Welt zu begreifen, jedoch auf ihre ganz eigene Weise, und die Menschen wählen sie. Es klingt so, als gebe es keine Lösung.

Nein, ich glaube, dass es durchaus eine Lösung gibt, aber im Moment ziehen wir den Kürzeren und daher ist diese Zeit auch so gefährlich. Das ist etwa so wie beim Arzt, den man vor der Operation auch nicht danach ausfragt, wie unser Körper funktioniert, weil man weiß, dass er kompliziert ist. Du musst an seine Professionalität glauben und dich operieren lassen, auch wenn du keine Ahnung davon hast, was er mit dir eigentlich anstellt. Der Arzt kann dir zwar ein paar Grundlagen erklären, aber den Rest – wie zum Beispiel die Instrumente, die dich umgeben – hinterfragst du nicht. Dein Schicksal liegt in seiner Hand und du vertraust darauf, dass er es gut mit dir meint. Heute wollen Menschen gerne hören, wie die Welt funktioniert. Und dann kommt irgendein Populist daher und erklärt, die Welt sei so oder so, und sie glauben ihm. Im schlimmsten Fall werden diese Populisten gewählt und sie führen uns alle in eine Katastrophe, mit den möglichen Folgen von Kriegen, Chaos und Verfall. Bis die Menschen die Macht nicht erneut Personen anvertrauen, die versuchen, die Welt im besten Sinne zu verstehen. Und die zumindest nicht so tun, als hätten sie auf alles eine Antwort. Wenn die Menschen in Banská Bystrica noch immer nicht erkannt haben, dass Kotleba nichts für sie getan hat, dann steht es sehr schlecht um uns. Eines Tages werden sie es verstehen, dann wird es jedoch schon zu spät sein. Zurzeit sehe ich einfach keine Möglichkeit dafür, dass die Eliten diesen Trend umkehren könnten. Bis die Menschen nicht selbst feststellen, dass dies kein guter Weg ist und vor ihrem eigenen Hass zurückschrecken.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Sie meinen, es müsste zuerst zu einem Kollaps kommen, damit etwas Neues und Lebensfähiges entstehen kann.

Nein, die Menschen können auch früher feststellen, dass sie diesen Weg nicht wollen. Zurzeit sind sie davon begeistert, dass sie die Elite ohrfeigen, denn sie machen sie für ihr Leben verantwortlich und sind mit ihr unzufrieden. Es ist fraglich, ob sie die Elite nur ohrfeigen oder tatsächlich auch austauschen möchten. Viele Menschen haben Trump deswegen gewählt, weil sie verdeutlichen wollten, dass sie wütend sind und nicht, weil sie ihn tatsächlich für den Richtigen halten. Dann waren alle überrascht, als er tatsächlich die Wahlen gewann. Die Wähler können somit tatsächlich jene Personen an die Spitze der Macht wählen, die ihre Gesellschaft in den Kollaps führen. Die Situation in Polen und in Ungarn ist zum Beispiel in dem Sinne alarmierend, weil sie zeigt, dass die Menschen bereit sind, jene Politiker zu wählen, die gegen ihre Interessen arbeiten. Doch es ist dann sehr schwer, diese Politiker loszuwerden.

In der Slowakei ist es nicht so einfach, führende Persönlichkeiten zu finden, die tatsächlich bereit und fähig sind, Nägel mit Köpfen zu machen. Wo sind diese Menschen deiner Meinung nach verloren gegangen?

Diese Persönlichkeiten entstehen meistens in Krisenzeiten. Mikuláš Dzurinda zum Beispiel war keine Führungspersönlichkeit. Er war ein ganz normaler Typ aus dem Osten, der Ambitionen hatte. Im Laufe der Zeit wurde aus ihm jedoch eine Art Führungspersönlichkeit. Viele Menschen haben diese Qualität im Blut, doch die Zeit, in der sie leben, hat sie noch nicht an die Oberfläche gespült. Es wird sich eine Führungspersönlichkeit finden, wenn es keinen anderen Ausweg mehr geben wird. Wir sprechen zwar über eine aufgebrachte Gesellschaft, doch jene, die das System tatsächlich stürzen möchten, befinden sich noch immer in der ausdrücklichen Minderheit. Es sind noch immer weniger als 25 Prozent der Bevölkerung, die sich tatsächlich einen grundlegenden Wandel im System wünschen. Die Krise ist also noch nicht groß genug, um neue Führungspersönlichkeiten hervorzubringen.

Mir kommen die 25 Prozent sehr viel vor, denn alles Übel in der Geschichte war einem schweigenden Anteil der Bevölkerung zu verdanken.

Die Zahl ist tatsächlich schrecklich, aber sie liegt nicht außerhalb der Norm. In Tschechien ist dieser Trend konstant. Nur wir waren an solche Zahlen nicht gewöhnt. Wir hatten Mečiar, der im Prinzip Extremist war, besiegt und dann gab es hier fast 20 Jahre lang eine Art Konsens über Stabilität und eine grundlegende Ausrichtung der Slowakei an der Europäischen Union. Dies hält meiner Meinung nach noch weiter an, trotz der Tatsache, dass viele von uns das Gefühl haben, dass die Lage nicht schlimmer sein könnte. Doch sie könnte schlimmer sein. Das, was wir als dramatische gesellschaftliche und politische Krise empfinden, nimmt die Mehrheit der Menschen nicht so wahr. Wenn du dir ansiehst, was die Menschen am meisten plagt, dann ist es das Gesundheitswesen und die Gerechtigkeit. Sie werden dir nicht erzählen, dass ihnen die politische Krise Sorgen bereitet.

Sie selbst sind vor einigen Jahren nach Tschechien gezogen. Auch viele junge Menschen verlassen das Land und kommen nicht mehr zurück. Warum sind Sie gegangen?

Aus einem einfachen Grund. Ich habe bei der Tageszeitung SME gekündigt und sagte mir, ich würde mir ein Jahr Zeit nehmen, um nachzudenken. Ich war darauf vorbereitet, irgendwo auf einer Baustelle zu arbeiten oder so. Als man davon jedoch bei der Zeitschrift Respekt Wind bekommen hat, rief man mich sofort an und es hieß, man wolle mich haben. Ich sagte mir, es ist meine Pflicht, das Angebot der Zeitschrift anzunehmen und ihnen zu helfen, wenn sie denken, dass gerade ich ihnen helfen könnte. Ausschlaggebend war somit die Zeitschrift Respekt und nicht Tschechien.

Und warum sind Sie wieder in die Slowakei zurückgekehrt?

Ich hätte es selbst nie von mir gedacht, aber erstens sprach mich Matúš an (Matúš Kostolný, Chefredakteur der Tageszeitung Dennik N) und fragte, ob ich bei ihnen arbeiten wollte. Das war ein praktischer Grund. Physisch war ich zwar in der Slowakei und bin nach Prag gependelt, geistig war ich aber ganz bei der Zeitschrift Respekt und habe die Geschehnisse in der Slowakei nur am Rande oder „im Vorbeigehen“ betrachtet.

Ich bekam langsam den Eindruck, dass die Zeichen der Zeit darauf hindeuteten, dass ich es mir nicht mehr leisten konnte. Und das nicht, weil ich dachte, dass ich als Erlöser ins Land zurückkommen würde, das war überhaupt nicht der Grund. Ich bin in der Slowakei zu einer Zeit aufgewachsen, in der viele ins Ausland ausgewandert sind, und die Emigration schwächte die Gemeinschaft ungemein. Ich habe es den Menschen damals verübelt, dass sie emigrierten. Mir hatten dabei Polizisten auch angeboten auszuwandern, sie wären mich gerne losgeworden [lacht]. Ich wollte es aber meinen Freunden nicht antun. Und dieses gleiche Gefühl kam jetzt wieder in mir hoch. So ein inneres Gefühl, dass die Zeit so schlimm ist, dass ich zurückkommen und daheim sein muss.

Die Zeitschrift Respekt wurde vom tschechischen Oligarchen Zdeněk Bakala aufgekauft. Das ist die gleiche Situation wie bei der Zeitung SME und ihrem Eigentümer, der Investitionsgruppe Penta. Hatten Sie damit kein Problem?

Das ist eben nicht das Gleiche. Der Begriff des Oligarchen kann meiner Meinung nach bei Bakala nicht angewendet werden, und ich kann versichern, dass er nie auch nur irgendwie den Inhalt des Mediums beeinflussen würde. Zweitens hat er mit dem Staat nur sehr wenige Geschäfte gemacht, worin er sich von Penta unterscheidet. Er brauchte den Staat und seine Regierung nicht für seine Geschäfte. Es ist auch kein Zufall, dass Penta Interesse daran hatte, Politiker zu korrumpieren, weil das Unternehmen das für seine Geschäfte brauchte. Bakala ist somit kein Oligarch. In zehn Jahren ist es nicht einmal passiert, dass er versucht hätte, auch nur ansatzweise unseren Inhalt zu beeinflussen. Bei Penta ist klar, dass die Investitionsgruppe Medien aufkauft, um politischen Einfluss zu gewinnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch bei der Zeitung SME in Erscheinung treten wird. Es ist illusorisch zu glauben, dass die Anwesenheit von Penta bei SME keine Rolle beim Inhalt des Mediums spielen wird. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass dies passieren wird.

Das Gleiche sagt man aber auch über die Zeitung Dennik N, deren Investor Anton Zajac ist, der sich offen zur Partei „Progressive Slowakei“ bekennt.

Und schon wieder hinkt dieser Vergleich. Die Redaktion von Dennik N ist auch mehrheitlicher Aktieninhaber der Zeitschrift. Und es ist auch hier eine Frage der Erfahrung. Anton Zajac würden keine zehn Pferde dazu bringen, sich in Inhalte einzumischen. Der Grund für seine Beteiligung am Medium Dennik N war ein ganz anderer als bei Penta. Und außerdem gibt es das Übereinkommen, das besagt, wenn Zajac in die Politik gehen sollte, er seine Aktienanteile abtreten muss. Einige Parallelen scheint es zwar zu geben, aber in Wahrheit sind sie ziemlich unterschiedlich.

Original auf Slowakisch. Erstmals publiziert am 20. März 2017 auf Čierna labuť.
Aus dem Slowakischen von Nikolett Losonci.

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