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Fakten

Albaniens „demografische Dividende“

Albaniens Bevölkerung ist noch immer vergleichsweise jung, der Anteil der Älteren relativ niedrig. Das könnte sich jedoch schnell ändern.

2. Juli 2020
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In geschichtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht ist Albanien in vielen Fällen eine Ausnahmeerscheinung auf dem Balkan. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus galt dies auch für die Bevölkerungsentwicklung. Seitdem deuten alle Daten aber unweigerlich in dieselbe Richtung: Die Menschen in Albanien altern, emigrieren und bekommen weniger Kinder – ähnlich der Bevölkerung in den anderen Ländern der Region.

„Wir sind beunruhigt“, meint Majlinda Nesturi, die Leiterin der Abteilung Sozialstatistiken des albanischen Statistikinstituts INSTAT. Nesturi hat allen Grund zur Sorge. Im Jahr 1958 brachten albanische Frauen im Durchschnitt 6,5 Kinder zur Welt, weshalb die Bevölkerung stark anstieg. Natürlich wünscht sich niemand diese Zeit zurück, aber das letzte Mal, das Albaniens Geburtenziffer über dem für den Erhalt der Bevölkerung notwendigen Niveau von 2,1 lag, war 2003.

Im Jahr 2018 erreichte das Land mit 1,37 den laut Nesturi „niedrigsten Wert in der Geschichte“. Im Jahr 1990, als der Kommunismus zusammenbrach, wurden in Albanien 82.125 Geburten und 18.193 Sterbefälle verzeichnet. 2018 waren es nur 28.934 Geburten, aber 21.804 Sterbefälle, was bedeutet, dass die Bilanz anders als anderswo auf dem Balkan nach wie vor positiv ist. Der Trend weist jedoch steil nach unten, und das Medianalter der albanischen Bevölkerung nimmt zu. In neun Jahren ist es um mehr als vier Jahre von 32,6 im Jahr 2011 auf 36,7 im Jahr 2019 gestiegen.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Albanien – Demografische Kennzahlen. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Um Frauen zu ermuntern, Kinder zu bekommen, erhalten Familien bei der Geburt des ersten Kindes eine einmalige Zahlung von 300 Euro, 600 Euro für das zweite und 900 Euro für das dritte Kind. Vor dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte Albanien zwar eine Geburtenrate, die der von Kosovo-Albanerinnen oder Montenegrinerinnen nicht unähnlich war, aber was die Abwanderung betrifft, unterschied sich das Land völlig von seinen Nachbarn.

Aus Griechenland sind die Menschen lange Zeit emigriert, um der Armut zu entkommen, und ab den 1960er-Jahren zogen Hunderttausende aus dem damaligen Jugoslawien, darunter auch Kosovo-Albanerinnen und -Albaner, als Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Deutschland und in andere Länder. In Albanien war man jedoch durch das paranoide Regime von Diktator Enver Hoxha völlig isoliert. Der Unterschied zwischen der 1991 zu Ende gegangenen Epoche und heute könnte nicht größer sein.

Daut Dauti, ein kosovo-albanischer Journalist, kam 1985 nach London. Aus Einsamkeit machte er sich im Telefonbuch auf die Suche nach seinen Landsleuten. Er stieß auf zehn Personen aus Albanien, die während der Zeit von König Zogu ins Exil gingen, sowie zwei Kosovo-Albaner. INSTAT beziffert die Zahl der im Ausland lebenden albanischen Bürgerinnen und Bürger laut Personenstandsregister heute mit 1,64 Millionen.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bevölkerungsveränderung in Albanien. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Für ein Land, das keinen Krieg erlebt hat, ist in sehr kurzer Zeit eine riesige Diaspora entstanden. Angesichts der vielen Auswanderer und der sinkenden Geburtenraten ist es nicht verwunderlich, dass auch die Wohnbevölkerung des Landes, die Anfang 2019 bei 2,86 Millionen lag, abnimmt. Im Jahr 1991 waren es noch 3,29 Millionen. Laut INSTAT leben heute in Albanien 9,7 Prozent weniger Menschen als zum Zeitpunkt der Volkszählung von 1989.

Gemäß der Volkszählung aus dem Jahr 1945 betrug die Bevölkerung Albaniens 1,07 Millionen Menschen, verdreifachte sich also unter dem Kommunismus, nimmt aber seit dem Ende des Kommunismus in Albanien stetig ab. INSTAT geht davon aus, dass im Jahr 2031 in Albanien 2,75 Millionen Menschen leben werden. Laut einer UN-Prognose wird die Bevölkerung bis 2050 auf 2,66 Millionen schrumpfen.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Größte demografische Verlierer. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Die Abwanderung ist ein hochgradig politisiertes und umstrittenes Thema. Nach Angaben der albanischen Opposition haben allein in den letzten zehn Jahren mehr als eine halbe Million Menschen das Land verlassen. Zählt man die von INSTAT geschätzte Zahl der Emigranten in den zwölf Jahren bis 2018 zusammen, sind es sogar noch mehr. Schätzungen über die Zahl der Zurückgekehrten belaufen sich laut INSTAT im gleichen Zeitraum jedoch auf mehr als 260.000.

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Ferner gilt es zu berücksichtigen, dass Personen mehrmals gezählt werden können, wenn sie ins Ausland ziehen, aber immer wieder zurückkommen, was häufig der Fall ist.

Der Trend geht eindeutig in Richtung Nettoauswanderung, auch wenn es nahezu unmöglich ist, genaue Zahlen zu ermitteln. Zirkuläre Migration, d.h. Menschen, die für kurze Zeit im Ausland arbeiten, „können wir nicht messen“, meint Nesturi.

Ein Problem bei dem Versuch, den Umfang der Abwanderungsbewegungen in Albanien zu ermitteln, besteht darin, dass eine beträchtliche Anzahl an Menschen politisches Asyl beantragt, was aber in den Auswanderungsdaten von INSTAT nicht aufscheint, solange eine Person ihren Aufenthaltsstatus nicht legalisiert.

So gut wie niemand in Albanien erfüllt die Anforderungen für politisches Asyl im Ausland, aber für viele, vor allem aus armen Gegenden, lohnte und lohnt es sich durchaus, einen Antrag zu stellen und dann mehrere Monate in einem reichen EU-Land zu verbringen, wo sie eine Bleibe haben und sozial abgesichert sind, anstatt im eigenen Land arbeitslos oder schlecht bezahlt zu sein.

Bevor albanische Bürgerinnen und Bürger ab Dezember 2010 ohne Visum in den Schengenraum einreisen durften, versuchten dies nur sehr wenige – 1.965 im gesamten EU-Raum im Jahr 2010.

Danach begannen die Zahlen jedoch zu steigen, bis sie 2015 mit 68.950 ihren Höchststand erreichten, wobei der höchste Anteil auf Deutschland fiel.

Im Jahr 2018 war die Zahl der Asylwerberinnen und Asylwerber aus Albanien in der EU auf 22.475 gesunken. Davon befanden sich jedoch die meisten (9.665) in Frankreich, wo die Asylverfahren und die Abschiebung abgelehnter Asylwerber im Gegensatz zu Deutschland lange dauern.

Auch wenn sich die Zahl der Auswanderer nur schwer exakt berechnen lässt, lebten nach Angaben von Eurostat im Jahr 2017 etwa 869.455 albanische Bürgerinnen und Bürger in der EU. Davon hielten sich 429.966 in Italien und 383.371 in Griechenland auf, was bedeutet, dass eine vergleichsweise geringe Zahl in anderen Ländern lebt.

Da die Gesamtzahl von Eurostat nur halb so hoch ist wie die von INSTAT ermittelte Zahl der albanischen Diaspora, gibt es offensichtlich irgendwo eine Diskrepanz, selbst wenn man jene Albanerinnen und Albaner, die sich in den USA und anderen Nicht-EU-Ländern aufhalten, sowie diejenigen innerhalb der EU berücksichtigt, die nicht mehr als Albanerinnen bzw. Albaner gezählt werden, weil sie eine EU-Staatsbürgerschaft erworben haben. Tatsächlich haben laut Eurostat 286.677 Personen zwischen 2012 und 2017 genau das getan, die überwältigende Mehrheit von ihnen in Griechenland und Italien. Klammert man die Menschen, die ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, aus, machen die neu in der EU eingebürgerten Albanerinnen und Albaner zumindest einen Teil der rückläufigen Zahlen in diesen Ländern aus.

In Italien ist die Zahl der als Albanerinnen bzw. Albaner registrierten Personen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, in Griechenland ist das weitaus weniger der Fall. Auch wenn die schrumpfende Bevölkerung Albaniens eindeutig Anlass zur Sorge gibt, sind die Geldsendungen der Diaspora ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Auch wenn die schrumpfende Bevölkerung Albaniens eindeutig Anlass zur Sorge gibt, sind die Geldsendungen der Diaspora ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Da Diaspora-Familien jedoch mehr Geld für die Selbstversorgung im Ausland ausgeben müssen, ist der prozentuale Beitrag dieses Kapitals zum Bruttoinlandsprodukt im Laufe der Jahre zurückgegangen. Nach Angaben der Weltbank entfielen 1993, als in Albanien fast nichts funktionierte und infolge eines ersten Exodus von Zehntausenden jungen Männern, sogar 28 Prozent des BIP auf Rücküberweisungen. Im Jahr 2018 waren es 9,6 Prozent.

Noch etwas gibt im Hinblick auf die gesellschaftliche und demografische Entwicklung Anlass zur Sorge, nämlich die Tatsache, dass nicht nur eine große Zahl von Menschen ausgewandert ist, sondern dass viele auch innerhalb Albaniens umgezogen sind. Während also viele Menschen aus dem Süden nach Griechenland und viele aus dem Norden nach Italien gezogen sind, sind zahlreiche Menschen aus ganz Albanien nach Tirana übersiedelt, was zu einer zunehmenden Entvölkerung vor allem der ländlichen Gebiete und Bergregionen geführt hat.

Zwischen 2019 und 2031 wird die Hauptstadt voraussichtlich der einzige Ort des Landes sein, dessen Bevölkerung zunehmen wird, sodass dort etwa 35 Prozent der Bevölkerung Albaniens leben werden. Was die Geburtenziffern und die Alterung der Bevölkerung betrifft, so ist Albanien nicht nur mit dem Großteil der übrigen Region, sondern auch anderen Teilen Europas vergleichbar. Im Gegensatz zu den ärmeren Ländern des Balkans können die reicheren Länder den Bevölkerungsrückgang jedoch durch Zuwanderung ausgleichen.

Albaniens Bevölkerung ist jedoch noch immer vergleichsweise jung und der Anteil der älteren Menschen relativ niedrig, was laut Nesturi eine „demografische Dividende“ darstellt. Diese Situation werde aber nur wenige Jahre oder höchstens eine Generation andauern, im Gegensatz zu Westeuropa, wo sie ein halbes Jahrhundert währte. Das Land müsse dies in vollem Umfang nützen, meinte sie, was bedeute, dass die Regierung „eine angemessene Wirtschafts- und Sozialpolitik“ sicherstellen müsse, „um diesen Menschen produktive Arbeitsplätze zu bieten“. Andernfalls werden sie das Land verlassen.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 14. November 2019 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

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